Lehrjahre Leerjahre
25.10.2026 (Red.-Schluss)
Geld macht nicht glücklich. Das müssen junge Menschen immer wieder beim Blick auf den Gehaltszettel feststellen. Dabei können die meisten froh sein, wenn sie einen solchen haben. Viele bewerben sich 50-mal und mehr, um eine Lehrstelle zu bekommen. Am anderen Ende der Ausbildungskette ist man ebenso verzweifelt. Unternehmen finden keine Azubis.

Traumberufe und Berufsalbtraum
Janardan Heißmann (17) wohnt in Oberbayern. Sein Traumberuf: Kfz-Mechatroniker. Der junge Mann hatte nach seinem qualifizierenden Schulabschluss zunächst eine Schreinerlehre begonnen. Doch sein Berufswunsch änderte sich. Im August 2026 berichteten seine Eltern von mehr als 50 Bewerbungen bei Werkstätten und Betrieben. Auf rund 70 Prozent erhielten sie keine Antwort. Drei Praktika führten zu keinem Ausbildungsvertrag. Manche Werkstatt hätte ihn wohl genommen, konnte aber keine ausreichende Betreuung gewährleisten. Für weiter entfernte Betriebe fehlt auf dem Land die passende Verkehrsverbindung. Ein Einzelfall?
Katharina Holst (24) ging es nicht anders als Heißmann. Sie erlebte die andere Seite desselben Problems. Sie bewarb sich bei fünf Hotels und einem Restaurant. Keiner der angeschriebenen Betriebe hielt es für nötig zu antworten, wie sie Ende August 2026 auf einer Pressekonferenz des Deutschen Gewerkschaftsbunds schildert. Schließlich reagierte wenigstens die Deutsche Bahn. Dort sollte sie im September eine Ausbildung zur Fachkraft für Gastronomie im Fernverkehr beginnen. Auch ein Einzelfall? Das wären immerhin schon zwei. Doch dabei bleibt es nicht. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) meldet für August 2026 116.000 unbesetzte Ausbildungsstellen.
Am anderen Ende der Ausbildungskette sieht es nicht besser aus. Laut BA haben 102.000 gemeldete Bewerber weder einen Ausbildungsplatz noch eine Alternative gefunden. Eine Zwischenbilanz, gewiss; sie belegt, dass Bewerber und Ausbildungsbetriebe aneinander vorbeisuchen. Die Agentur registriert für das Vermittlungsjahr seit Oktober 2025 bis August 2026 rund 451.000 Ausbildungsstellen, 32.000 weniger als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Auf der Bewerberseite standen 433.000 Meldungen, 4.000 mehr. Die Zahlen widersprechen der Behauptung, es gebe zu wenige ausbildungswillige Jugendliche, wenngleich sie keine ausreichende Begründung dafür liefern, warum einzelne Betriebe keinen Nachwuchs finden und einzelne Bewerber leer ausgehen. Darüber entscheiden Arbeitsbedingungen, Berufswünsche und tatsächliche Ausbildungskapazität mit.
Lehrjahre keine Herrenjahre
Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Dieser Satz mag als pädagogische Ermahnung dienen. Die Miete zahlt er nicht. Die Vergütung ist für junge Menschen keine Nebensache. Sie entscheidet mit darüber, ob ein Ausbildungsplatz am Wohnort oder in einer anderen Stadt überhaupt infrage kommt. Der Gesetzgeber hat 2020 eine Mindestausbildungsvergütung eingeführt. Für Ausbildungsverträge, die 2026 beginnen, beträgt sie 724 Euro brutto im ersten Jahr, 854 Euro im zweiten, 977 Euro im dritten und 1.014 Euro im vierten.
Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung belegt in seinem Archiv tarifvertraglicher Regelungen in Deutschland, darunter Tariflöhne, Arbeitszeiten und Ausbildungsvergütungen, wie weit die Beträge auseinanderliegen. Im Friseurhandwerk Nordrhein-Westfalen stieg die tarifliche Vergütung im ersten Ausbildungsjahr von 710 Euro im August 2024 auf 785 Euro im August 2026, 75 Euro mehr in zwei Jahren, aber nur 61 Euro über der gesetzlichen Mindestausbildungsvergütung für 2026 beginnende Ausbildungen. Betriebe der baden-württembergischen Textilindustrie zahlen seit Oktober 2026 im ersten Ausbildungsjahr 1.305 Euro, 520 Euro mehr als für Friseure. Wenig. Aber Geld ist immer wenig, egal wie viel. Lehrjahre sind eben keine Herrenjahre mit üppigeren Gehaltsaussichten.
Tarifvertrag als Wettbewerbsvorteil
Tarifverträge als Instrument der Lohnpolitik beeinflussen überdies die Entscheidung für einen Ausbildungsbetrieb. Laut WSI waren 55 Prozent der Auszubildenden 2024 in tarifgebundenen Unternehmen beschäftigt. Der Anteil lag höher als die Tarifbindung der Beschäftigten insgesamt. Das WSI führte dies unter anderem auf die stärkere Ausbildungsbereitschaft tarifgebundener Unternehmen zurück. Dieser Befund ist ein historischer Vergleichswert, keine neu erhobene Quote für 2026.
Dabei besetzt ein höherer Monatsbetrag nicht jede offene Stelle. Hinzu kommen geeignete Arbeitszeiten, Erreichbarkeit, Wohnkosten, Betreuung, berufliche Perspektiven und das Ansehen des Berufs. Was nützt alles Klagen über fehlenden Nachwuchs, wenn ein Betrieb weder attraktive Bedingungen anbietet noch bereit ist, in die Ausbildung zu investieren.
Zwei Seiten ohne Verbindung
Laut „WirtschaftsWissen für den Betriebsrat“ (WiWi, WEKA MEDIA, Kissing) zeigte die Berufsbildungsstatistik 73.400 unbesetzt Ausbildungsstellen 2023, während 26.400 Bewerber zum Stichtag vollständig unversorgt waren. Dabei hilft ein freier Platz in einem gastronomischen Betrieb in einer entfernten Region einem Jugendlichen mit einem anderen Berufswunsch nicht ohne Weiteres. Ebenso wenig genügt ein vorhandener Schulabschluss, wenn Betrieb und Bewerber unterschiedliche Erwartungen an Fähigkeiten, Arbeitszeiten oder Mobilität stellen.
Das Problem: Angebot und Nachfrage existieren, treffen aber nicht zusammen. Mancher Betrieb sucht jemanden, der vom ersten Tag an möglichst reibungslos funktioniert. Ein junger Mensch sucht dagegen einen Beruf, der zu seinen Fähigkeiten und Interessen passt und ihm eine Zukunft eröffnet. Ausbildung bedeutet jedoch, dass die beruflichen Fähigkeiten erst erworben werden. Wer von einem Auszubildenden schon bei der Einstellung die Fertigkeiten einer Fachkraft erwartet, verwechselt Ausbildung mit Personalbeschaffung.
Ein weiterer Entscheidungsfaktor ist die räumliche Verteilung. Ein Arbeitsplatz kann theoretisch verfügbar und praktisch unerreichbar sein. Nicht jeder Jugendliche verfügt über ein Auto. Der öffentliche Verkehr ist außerhalb der Ballungsräume nicht zu jeder Schichtzeit eine Alternative. Wer auswärts eine Unterkunft benötigt, muss deren Kosten tragen können. Eine niedrige Vergütung wirkt über die Kaufkraft hinaus: Sie verkleinert den geografischen Radius der Ausbildungssuche. Der Betrieb kann dann über Bewerbermangel klagen, obwohl er mit seiner Vergütung und seinem Standort selbst die Auswahl begrenzt.
Der ungenutzte Nachwuchs
Der Widerspruch zeigt sich bei den jungen Erwachsenen ohne formalen Berufsabschluss. Das Bundesinstitut für Berufsbildung bezifferte ihre Zahl für das Berichtsjahr 2022 auf rund 2,86 Millionen im Alter zwischen 20 und 34 Jahren. Laut WiWi stellt diese Entwicklung dem wachsenden Fachkräftebedarf gegenüber.
Wer keinen Berufsabschluss besitzt, ist nicht zwangsläufig ohne berufliche Erfahrung oder ohne Beschäftigung. Manche Menschen haben ein Studium oder eine Ausbildung abgebrochen, andere haben Kenntnisse außerhalb eines formalen Abschlusses erworben. Gleichwohl erschwert das Fehlen eines anerkannten Berufsabschlusses den Zugang zu qualifizierten Stellen und erhöht das Risiko, bei einem Arbeitsplatzverlust keine neue Beschäftigung zu finden. Die Wirtschaft kann sich nicht allein darauf beschränken, fertige Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt zu suchen. Kluge Geschäftsführer und Betriebsleiter durchbrechen den Teufelskreis des Henne-Ei-Problems dadurch, dass sie sich von starren Abschlusszeugnissen lösen und auf Qualifikationen dahinter schauen.
Die Verantwortung verteilt sich ungleich auf die Betriebe. Der Berufsbildungsbericht 2024 verweist für 2022 auf rund 408.700 ausbildende Betriebe und eine Ausbildungsbetriebsquote von 18,9 Prozent. Nicht einmal jeder fünfte Betrieb mit sozialversicherungspflichtig Beschäftigten beteiligte sich damit an der Ausbildung. Besonders bei kleinen Betrieben war die Ausbildungsbeteiligung zurückgegangen. Diese Zahlen beschreiben den damaligen Stand. erneut
Vertragslösung kein Ausbildungsabbruch
Ein weiterer Hinweis auf Probleme im Ausbildungssystem ist die Zahl der vorzeitig gelösten Ausbildungsverträge. Für 2022 nennt der Berufsbildungsbericht eine Vertragslösungsquote von 29,5 Prozent. WiWi verweist für 2023 auf 29,7 Prozent. Hinter dieser Zahl stehen unterschiedliche Ursachen: Auszubildende wechseln den Betrieb oder den Beruf, andere beenden ihre Ausbildung ohne Anschlussvertrag. Für die Betriebe bedeutet jede vorzeitige Vertragslösung zunächst, dass sie nicht umhinkommen, einen Ausbildungsplatz erneut zu besetzen, wenn sie ihn nicht unbesetzt lassen wollen oder müssen.
Der Ausbildungsreport der DGB-Jugend von 2024 zeigt erhebliche Unterschiede bei der Zufriedenheit. Rund 70 Prozent der befragten Auszubildenden waren mit ihrer Ausbildung und ihren Ausbildern zufrieden. Zugleich berichtete mehr als ein Drittel von regelmäßigen Überstunden; ein Teil übernahm ausbildungsfremde Tätigkeiten.
Die Tendenz hat sich in den vergangenen zwei Jahren nicht ins Gegenteil verkehrt. Laut Ausbildungsreport der DGB-Jugend 2026 bezeichneten sich von 13.227 befragten Auszubildenden aus 25 stark besetzten Berufen 65,7 Prozent als zufrieden oder sehr zufrieden. In Betrieben mit Interessenvertretung sind es 75,7 Prozent. Bei Hotelfachleuten liegt die Zufriedenheit bei 53,6 Prozent. 16,3 Prozent der Befragten erledigen ausbildungsfremde Arbeiten.
Zur Ausbildung gehört, dass jemand im Betrieb den Auszubildenden Arbeitsabläufe erklärt, Fehler korrigiert, Lernfortschritte beurteilt und die Verbindung zur Berufsschule hält. Doch meistens gehen derartige Forderungen ins Leere. Laut DGB haben Ausbilder für all diese Aufgaben nicht genügend Zeit. Nur 45 Prozent der Befragten bekamen nach damaligen Angaben mindestens einmal im Monat eine persönliche Rückmeldung. Wenn Ausbilder ihre regulären Aufgaben ohne Entlastung erledigen müssen, wird Ausbildung leicht zur Nebenbeschäftigung.
Gordischer Knoten
Die Ausbildungsvergütung ist in den vergangenen Jahren in zahlreichen Tarifbereichen gestiegen. Das WSI hatte diesen Trend schon für 2024 dokumentiert. Die Tarifdaten für 2026 bestätigen Erhöhungen in einzelnen Branchen und Regionen. Daraus folgt aber nicht, dass der Ausbildungsmarkt gesund ist.
Die Entwicklung verlangt mehr als die pauschale Klage, die Jugend wolle nicht arbeiten. Solange die Politik keine Lösung des Missverhältnisses von Ausbildungsangebot, tatsächlicher Zugänglichkeit und betrieblicher Bereitschaft zur Qualifizierung findet, wird sich nichts ändern. Die steigende Ausbildungsvergütung ist nicht die Lösung, wenn nicht gar ein Teil des Problems selber. Dafür ist es unerheblich, ob Heißmann und Holst letztlich bereits eine Ausbildungsstelle gefunden oder noch finden werden. Weder für das eine noch für das andere liegen Nachrichten vor. Die gute Nachricht wäre unabhängig davon, wenn Ausbildungsbetriebe und Politik den gordischen Knoten durchschlagen. Aber dafür gibt es derzeit keine nachhaltigen Anzeichen. Und solange bleiben Lehrjahre nicht nur keine Herrenjahre, sondern im buchstabengetreuen Sinne für alle Beteiligten Leerjahre.
Quellen
Duczek, Heike, Lehrstelle verzweifelt gesucht: Janardan aus Haag möchte Kfz-Mechatroniker werden – und darf nicht?, innsalzach24, 13.08.2026
Schleiermacher, Uta, Bei der Jobsuche geghostet, taz, 26.08.2026
Bundesagentur für Arbeit, Arbeitsmarkt im August 2026, Abschnitt Ausbildungsmarkt, 2026
Deutscher Gewerkschaftsbund, DGB-Ausbildungsreport 2026: Starke Interessenvertretung im Betrieb sichert gute Ausbildung, 20.08.2026
Oehlerking, Friedrich, Ausbildungsvergütung, WirtschaftsWissen für den Betriebsrat, WEKA MEDIA, Kissing, 01.11.2024.
Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI), Tarifliche Ausbildungsvergütungen, Stand Oktober 2026
Bundesinstitut für Berufsbildung, Mindestausbildungsvergütung steigt 2026 auf 724 Euro, 13.10.2025
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