Whose side are you on?
11.10.2026 (Red.-Schluss)
Die deutsche Wirtschaft sucht neue Absatzmärkte und Produktionsstandorte. Indien bietet beides – mit Erfolg. Jüngste Beispiele sind BASF, Infineon oder der Maschinenbau. Das Problem: das ungeklärte Verhältnis Indiens zu den Weltmächten und die Totschlagfrage: „Whose side are you on?“

Zwischen den Stühlen
Die schwächelnde deutsche Wirtschaft greift nach jedem Strohhalm. Als ziemlich schwacher erweist sich dabei derzeit Indien. Der Subkontinent hat sein Verhältnis zu den drei Wirtschaftsmächten China, USA und Russland nicht geklärt. Deutsche Unternehmen wollen und können darauf jedoch nicht unbegrenzt warten.
BASF hat sich im indischen Dahej ein Grundstück für einen möglichen Chemiekomplex gesichert. Der Ludwigshafener Konzern prüft die Produktion von Methylendiphenyldiisocyanat (MDI). Der Stoff wird zur Herstellung von Polyurethanen benötigt, die unter anderem in Dämmstoffen, Kühlschränken, Automobilteilen und Möbeln verarbeitet werden. Eine endgültige Investitionsentscheidung steht aus.
Infineon meldet den Abschluss der Übernahme von „C2i Semiconductors“ in der südindischen Stadt Bengaluru. Das Unternehmen entwickelt elektronische Steuerungen für die Stromversorgung von KI-Rechenzentren. Infineon integriert dessen Mitarbeiter in seine Power Systems Division und erweitert seine Entwicklungskapazitäten in Indien.
Nicht weniger emsig die Maschinenbauer. Deutsche Maschinenexporte nach Indien erreichen laut Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) im ersten Halbjahr 2026 rund 2,2 Milliarden Euro. Das sind elf Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.
Brics: Gipfel der Gegensätze
Der Brics-Gipfel im September in Neu-Delhi zeigt, wie schwer Indien eine klar Antwort fällt. Gastgeber Narendra Modi empfängt die Staats- und Regierungschefs einer Gruppe, deren Mitglieder unterschiedliche außenpolitische Interessen verfolgen, allen voran Chinas Staatspräsident Xi Jinping und Russlands Präsident Wladimir Putin.
Wie schwach der Kleber ist, der die Brics-Staaten zusammenhalten soll, zeigt schon der Umgang mit der Bezeichnung selbst. Statt die Anfangsbuchstaben seiner Gründerstaaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika lässt Indien die Abkürzung neu schreiben als: „Building for Resilience, Innovation, Cooperation and Sustainability“, Aufbau für Widerstandsfähigkeit, Innovation, Zusammenarbeit und Nachhaltigkeit. Honi soit, qui mal y pense – die neue Deutung der Abkürzung verrät jedenfalls mehr über die Suche nach Gemeinsamkeiten als über die Einigkeit der Mitgliedstaaten im internationalen Machtgefüge der angestrebten multipolaren Welt.
Die Brics-Staaten verfügen weder über eine gemeinsame Außenpolitik noch über einen gemeinsamen Binnenmarkt. Sie erheben keine einheitlichen Außenzölle. Ein deutscher Hersteller, der in Indien produziert, erhält dadurch keinen bevorzugten Zugang zu den übrigen Mitgliedstaaten. Beim Gipfel treten die Gegensätze hervor. Iran verlangt eine klare Positionierung gegen das Vorgehen der USA und Israels. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate befinden sich geopolitisch im entgegengesetzten Lager der USA. Eine gemeinsame Verurteilung des russischen Vorgehens in der Ukraine ist angesichts der Mitgliedschaft Russlands nicht zu erwarten.
Jochen Luckscheiter von der Heinrich-Böll-Stiftung in Neu-Delhi warnt vor überzogenen Erwartungen an die politische Geschlossenheit der Gruppe. Er beschreibt Brics als Forum, dessen Mitglieder in wesentlichen Fragen weit auseinanderliegen. Indien betrachte Brics nicht als Zusammenschluss gegen den Westen. Die Gruppe solle unter anderem die Infrastrukturfinanzierung verbessern und den Einfluss des Globalen Südens auf IWF und Weltbank stärken.
Kein Kotau in Delhi
Der chinesische Staatspräsident Xi Jinping kommt erstmals seit sieben Jahren wieder nach Indien. Nach dem tödlichen Grenzzwischenfall im Himalaya 2020 hatten sich die Beziehungen zwischen beiden Staaten verschlechtert. Wer sich wem annähern will und welche Regierung dafür größere Zugeständnisse zu machen bereit ist, lässt sich aus dem Gipfelbesuch nicht erkennen. Xi reist nach Neu-Delhi, weil Indien Gastgeber des Treffens ist. Seine Teilnahme zeigt die Bereitschaft zu Gesprächen. Sie belegt keine Einigung über die bestehenden Konflikte. China ist für Indien ein bedeutender Handelspartner. Beide Länder konkurrieren um industrielle Investitionen, technische Entwicklung und politischen Einfluss in Asien. Die indische Regierung will ihre eigene industrielle Produktion ausbauen und den Bedarf an importierten Vorprodukten verringern.
Deutsche Unternehmen stellt die chinesisch-indische Konkurrenz auf mehreren Ebenen auf den Prüfstand. Indien kann Produktionsstandort und Absatzmarkt für Maschinen sein. Es kann chinesische Lieferanten ersetzen, aber ebenso auf chinesische Komponenten angewiesen bleiben. Eine Fertigung in Indien beseitigt nicht zwangsläufig die Abhängigkeit von chinesischen Vorprodukten. Entscheidend ist, woher Maschinen, elektronische Bauteile, Werkstoffe und industrielle Zwischenprodukte stammen.
Russland Energielieferant Nr. 1
Das zweite Spannungsfeld betrifft Russland. Indien bezieht erhebliche Mengen Erdöls aus Russland und unterhält langjährige Beziehungen zur russischen Rüstungsindustrie. Diese Geschäfte stehen neben Indiens wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit Europa und den Vereinigten Staaten.
Nach von Reuters veröffentlichten Importdaten bleibt Russland im August 2026 Indiens größter Rohöllieferant. Die Liefermenge sinkt gegenüber Juli um 16,5 Prozent auf rund 2,1 Millionen Barrel pro Tag. Marktbeobachter erwarten für September einen weiteren Rückgang. Die Augustdaten belegen eine Veränderung der Beschaffung, nicht das Ende der russisch-indischen Energiebeziehungen.
Das betrifft mittelbar deutsche Hersteller, die in Indien produzieren oder indische Kunden beliefern. Bei einer Chemieanlage gehören Energie und Rohstoffe zu den laufenden Kosten. Bei einem Maschinenkunden können höhere Transport- und Produktionskosten die Wirtschaftlichkeit einer Investition verändern. Eine Wirkung auf deutsche Aufträge ist mit den vorliegenden Zahlen nicht belegt.
Washington stellt Partnerfrage
Das Russland-Update der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer vom Oktober 2026 beschreibt amerikanische Sanktionsbestimmungen, die zusätzliche Zölle gegen bedeutende Käufer russischer Energieträger ermöglichen. Genannt werden mögliche Sekundärzölle von bis zu 100 Prozent. Eine Ermächtigung bedeutet nicht, dass der Höchstsatz auf sämtliche Waren aus Indien erhoben wird. Maßgeblich sind erlassene Maßnahmen, Produkte und Ausnahmen.
Anfang Oktober berichtet Reuters über Schwierigkeiten in den amerikanisch-indischen Handelsgesprächen. Indiens Finanzministerin Nirmala Sitharaman beschreibt den Verhandlungsstand als einen Punkt, an dem der Spielraum für weitere Zugeständnisse begrenzt sei – für deutsche Maschinenbauer ein Auftragsrisiko. Indische Hersteller kalkulieren für amerikanische Kunden unter anderen Bedingungen als für den indischen Binnenmarkt. Steigen die Kosten des Zugangs zum amerikanischen Markt, verändern sich die Wirtschaftlichkeit einer neuen Produktionslinie.
Langer Atem
Die Investoren aus Deutschland brauchen für ein Engagement auf dem Subkontinent einen langen Atem. BASF nennt in der vorliegenden Meldung weder einen endgültigen Investitionsbetrag noch einen Termin für die Inbetriebnahme. Ein Werk wie das von BASF angestrebte lässt sich nicht nach wenigen Monaten an einen anderen Standort verlegen. Grundstück, Genehmigungen, Bau, Inbetriebnahme und Betrieb binden Kapital über Jahre. Die Entscheidung hängt von Erwartungen über einen längeren Zeitraum ab. Für die Wirtschaftlichkeit gilt es, Nachfrage, Rohstoffpreise, Energieversorgung, Transportmöglichkeiten und die Produktionskosten zu berücksichtigen. Grundstückssicherung allein ist keine Bauentscheidung.
Nicht weniger heikel das Vorgehen von Infineon. Der indische Appetithappen „C2i“ ist auf digitale Mehrphasen-Controller und intelligente Leistungsstufen spezialisiert. Diese Bauteile steuern die Stromversorgung von Hochleistungsprozessoren. Bei KI-Rechenzentren steigen die Anforderungen an die Versorgung großer Rechensysteme mit elektrischer Energie. Die Übernahme erweitert die Forschungs- und Entwicklungskapazitäten in Indien. Sie betrifft nicht nur die Versorgung des indischen Marktes. Die entwickelten Lösungen sind für internationale Rechenzentrumsanwendungen bestimmt.
Der Maschinenbau sieht den Schwerpunkt seines Vorgehens in Indien bei Verkauf von Investitionsgütern und Aufbau von Geschäftsbeziehungen. Der VDMA nennt rund 600 Mitgliedsunternehmen, die in Indien tätig sind. Im ersten Halbjahr 2026 steigen die deutschen Maschinenlieferungen nach Indien um elf Prozent auf 2,2 Milliarden Euro. Der Verband verbindet diese Entwicklung mit positiven Erwartungen seiner Mitgliedsunternehmen.
Laut einer Umfrage des Verbandes rechnen 65 Prozent der befragten Betriebe mit höheren Auftragseingängen. 56 Prozent erwarten eine bessere Geschäftslage. Diese Werte sind Einschätzungen, keine verbindlichen Bestellungen oder Investitionszusagen. Die Entwicklung in Indien steht im Gegensatz zur schwachen Gesamtkonjunktur des deutschen Maschinenbaus. Für August 2026 meldet der Verband einen realen Rückgang des Auftragseingangs um fünf Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Im Inland sinken die Bestellungen um zwei Prozent, aus dem Ausland um sechs Prozent.
Europa will Handelshemmnisse abbauen
Die Europäische Union will den gegenseitigen Marktzugang durch ein Freihandelsabkommen erleichtern. Die Verhandlungen zwischen der EU und Indien werden am 27. Januar 2026 abgeschlossen. Im September legt die Europäische Kommission Vorschläge für die Unterzeichnung und den Abschluss vor. Das erforderliche Verfahren ist damit noch nicht beendet.
Ob und wann die Belastung durch das Freihandelsabkommen sinkt, hängt von dessen Inkrafttreten und den Zollabbaustufen ab. Hinzu kommen Regeln über den Warenursprung. Eine in Deutschland montierte Maschine erhält nicht zwangsläufig eine Zollpräferenz. Enthält sie Komponenten aus Drittstaaten, müssen die Voraussetzungen des Abkommens geprüft werden. Der VDMA verlangt neben niedrigeren Zöllen den Abbau technischer Handelshemmnisse. Dazu gehören Zertifizierungen, Prüfverfahren und nationale Anforderungen an Maschinen. Für industrielle Anlagen sind Montage, Wartung, Ersatzteile und technische Dienstleistungen von Bedeutung.
Nirgends weiß man besser um die prekäre Situation Indiens im weltpolitischen Kräftespiel. Die indische Außenpolitik hakt sie als „strategische Autonomie“ ab – der Anspruch, Entscheidungen unabhängig von einer dauerhaften Bindung an einen einzelnen Machtblock zu treffen. Für Unternehmen anderer Länder schafft dieser Anspruch keine verlässlichen Handelsbedingungen. Solange nichts gesagt ist über Zölle, Investitionen, Ausfuhrkontrollen, technische Standards und internationale Sanktionen, ist gar nichts gesagt. Das Shakespearesche „All’s well that ends well” findet zwangsläufige Bestätigung.
Quellen
BASF: Pressemitteilung zur Prüfung des MDI-Komplexes Dahej, September 2026
Infineon: Abschluss der C2i-Übernahme, 05.10.2026
VDMA: Mechanical Engineering Summit, Pune, 09.10.2026
ARD/tagesschau: Lena Bodewein, Brics-Gipfel im Zeichen globaler Ungewissheiten, 12.09.2026
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