Sprach der Scheich zum Emir

13.09.2026 (Red.-Schluss)

Am Golf wankt das Geschäftsmodell der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Der Krieg mit Iran bedroht Sicherheit, Energieexporte und Handelswege. Die Emire suchen Partner außerhalb ihrer Region. Nach Berlin kommt ihr oberster Chef, der Emir von Abu Dhabi, letzte Woche nicht mit leeren Händen: 40 Milliarden Euro nicht nur für Investitionen und Gas.

Politisches Süppchen – Scheichs geben Gas
Roter Teppich zum Milliardenpaket

Der Zeitpunkt des Staatsbesuchs ist mehr der Not gehorchend als freiwillig gewählt. Geografisch liegen die VAE im Südosten der Arabischen Halbinsel am Persischen Golf und am Golf von Oman. Im Westen und Süden grenzen sie an Saudi-Arabien, im Osten an Oman. Auf der anderen Seite des Persischen Golfs liegt Iran. Der Golf ist vom Krieg mit Iran betroffen. Raketen und Drohnen treffen Staaten der Region, die Straße von Hormus wird zum Risiko für Energieexporte und Welthandel. Damit gerät das Geschäftsmodell der Emirate unter Druck. Es beruht auf politischer Stabilität, sicheren Handelswegen und den Emiraten als internationalem Investitions- und Wirtschaftszentrum.

Der Besuch in Berlin des Emirs von Abu-Dhabi, Mohamed bin Zayed Al Nahyan, Präsident der VAE, daneben mit den weiteren Emiraten Dubai, Schardscha, Adschman, Umm al-Qaiwain, Ra’s al-Chaima und Fudschaira, zeigt deren Bemühen, ihre politischen und wirtschaftlichen Beziehungen über die Golfregion hinaus auszuweiten. Die Voraussetzungen, die Deutschland mit Industrie und Technologie, Absatzmarkt und Zugang zum europäischen Binnenmarkt bietet, werden am Golf so interessant erscheinen, dass man erstmals nicht kommen lässt, sondern sich selber auf den Weg macht. Al Nahyan reist selbst nach Deutschland und bringt ein Investitionsversprechen von 40 Milliarden Euro mit. In der gemeinsamen Erklärung zum Staatsbesuch sprechen beide Staaten von einem „entscheidenden Moment“ angesichts regionaler und geopolitischer Instabilität und von der wachsenden Bedeutung verlässlicher Partner. Man weiß um die Notlage eines wirtschaftlich schwächelnden Deutschlands zumal mit einer dank Ukraine-Krieg unsicheren Energieversorgung, das dementsprechend eilfertig den VAE nach den iranischen Angriffen Solidarität zusichert.

Das Versprechen über 40 Milliarden Euro betrifft nicht nur Investitionskapital, sondern Einsatz in einem politischen Geschäft. Die VAE bringen Kapital und Energie, Deutschland bietet Technologie, Industrie, Marktzugang und politische Partnerschaft. Beide Staaten richten dafür einen strategischen Dialog ein. Er umfasst Außen- und Sicherheitspolitik, Verteidigung, Wirtschaft, Energie sowie Zukunftstechnologien. Donald Trumps These vom „Deal als Politik mit anderen Mitteln“ macht nach Ukraine jetzt am Golf Schule. Außenpolitik wird mit Investitionen, Energie, Marktzugang und Geschäften verbunden.

40 Milliarden eine heilige Zahl

Die gemeinsame Erklärung lässt keinen Zweifel an der Größenordnung. Das Investitionspaket umfasst 40 Milliarden Euro, in der Bibel eine Heilige Zahl (40 Tage nach der Kreuzigung Christi). Daneben stehen 29 Absichtserklärungen und Vereinbarungen zwischen deutschen und emiratischen Unternehmen mit einem Gesamtwert von mehr als 9,356 Milliarden Euro. Diese 9,356 Milliarden sind nicht mit den 40 Milliarden zu einer neuen Gesamtsumme zu addieren. Es handelt sich um unterschiedliche Positionen des Besuchs.

Der Unterschied ist wichtig. Ein angekündigtes Investitionspaket ist noch kein überwiesener Betrag. Absichtserklärungen sind noch keine gebauten Anlagen. Bei Großprojekten folgen Prüfungen, Genehmigungen, Ausschreibungen, Finanzierungsentscheidungen und Verträge. Wer aus der politischen Ankündigung sofort 40 Milliarden Euro gebaute Fabriken macht, springt mehrere Stufen zu weit.

Das schmälert die Nachricht nicht. Die Emirate binden sich mit dem Paket politisch und wirtschaftlich an den Standort Deutschland. Beide Seiten richten einen deutsch-emiratischen Investitionsrat ein. Die seit 2004 bestehende strategische Partnerschaft erhält einen neuen Dialograhmen. Kapital, Unternehmen und Regierungen bekommen damit eine institutionelle Verbindung, die über einzelne Geschäfte hinausreicht.

Das Geld trifft zudem nicht auf unbekanntes Terrain. Die gemeinsame Erklärung verweist auf bestehende Investitionen der Emirate. XRG investiert rund 15 Milliarden Euro in Covestro. ADNOC, XRG und Masdar beziffern ihre bisherigen Investitionen in Deutschlands Energie- und Industriebasis auf mehr als 20 Milliarden Euro. Das neue Paket beginnt somit nicht bei null.

Rechenzentren als Hebel für Industriepolitik

Besonders auffällig ist die digitale Infrastruktur. Vorgesehen sind neue Rechenzentren mit einer Kapazität von rund einem Gigawatt. Ein Gigawatt ist bei Rechenzentren keine abstrakte IT-Größe. Solche Anlagen brauchen Flächen, Netzanschlüsse, Strom, Kühlung, Bauleistungen, Technik und langfristige Energieverträge. Wo Rechenzentren dieser Dimension entstehen, entscheidet sich Standortpolitik.

Künstliche Intelligenz verschärft diesen Zusammenhang. KI wird nicht allein mit Software entwickelt. Sie braucht Rechenleistung. Rechenleistung braucht physische Infrastruktur. Wer über technologische Souveränität spricht, landet damit sehr schnell bei Kraftwerken, Stromnetzen, Transformatoren, Chips, Gebäuden und Genehmigungen.

Die Emirate bringen in dieses Feld zwei Dinge ein: Kapital und Erfahrung mit großen Energie- und Infrastrukturprojekten. Deutschland bringt industrielle Kompetenz, Forschung, einen großen europäischen Markt und eine breite Unternehmenslandschaft ein. Daraus entsteht ein Tauschgeschäft, das weit interessanter ist als die Formel vom ausländischen Investor, der Geld nach Deutschland trägt. Kapital sucht Technologie und Markt. Deutschland sucht Kapital, Energie und Geschwindigkeit.

An dieser Stelle wird das 40-Milliarden-Paket zum Gradmesser für den Standort. Rechenzentren können nur entstehen, wenn Netzanschlüsse, Stromversorgung, Flächen und Genehmigungen zusammenpassen. Die Bundesregierung erklärt in der gemeinsamen Erklärung ihre Bereitschaft, ein günstiges Umfeld für die Umsetzung zu schaffen. Aus diplomatischer Sprache wird Verpflichtung: Wer Investitionen einwirbt, muss ihnen einen realisierbaren Standort anbieten.

Gas aus der Ferne

Der Energiekonzern RWE zeigt, wie sich das große Paket in einzelne Projekte übersetzt. RWE und Masdar vereinbaren, eine gemeinsame Teilnahme an deutschen Offshore-Wind-Ausschreibungen 2027 zu prüfen. RWE beziffert den möglichen Investitionswert auf mehr als drei Milliarden Euro. Parallel sprechen RWE und ADNOC über langfristige Lieferungen von Flüssigerdgas, kurz LNG, für Deutschland und weitere europäische Märkte.

Das wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: Offshore-Wind und LNG stehen nebeneinander. Für die Industrie ist diese Kombination jedoch Ausdruck der Übergangsphase des Energiesystems. Deutschland baut erneuerbare Stromerzeugung aus und benötigt zugleich gesicherte Energieversorgung für Zeiten und Anwendungen, in denen Strom aus Wind und Sonne nicht genügt oder Gas als Rohstoff gebraucht wird.

Die Gespräche mit ADNOC zielen auf bis zu zwei langfristige LNG-Lieferverträge. Ein möglicher Lieferbeginn liegt Anfang der 2030er Jahre. Die Herkunft des Gases soll aus einem internationalen Portfolio stammen, das Projekte in mehreren Weltregionen umfasst. Deutschland diversifiziert damit nicht nur Lieferländer. Es bindet sich an einen Partner, der fossile Energie, erneuerbare Energie und Investitionskapital in einer Hand zusammenführen kann.

Weitere Vereinbarungen reichen in die Gas- und LNG-Wertschöpfung, in kohlenstoffärmere Ammoniak-Lieferketten, Offshore-Wind und Batteriespeicher. ADNOC schließt Kooperationsvereinbarungen mit Bosch Middle East, Siemens Energy und Siemens Industrial zu fortgeschrittener Technologie und künstlicher Intelligenz. Die 40 Milliarden verteilen sich damit nicht auf einen einzelnen Prestigegegenstand. Sie zielen auf die Infrastruktur, von der industrielle Produktion in den kommenden Jahren abhängt.

Gute Freunde

Kein Investor verteilt Milliarden aus Freundschaft. Die Vereinigten Arabischen Emirate verfolgen eine eigene Wirtschaftsstrategie. Einnahmen aus Öl und Gas finanzieren den Umbau zu einem breiter aufgestellten Wirtschaftsmodell. Beteiligungen an Industrie, Energie, Infrastruktur und Technologie schaffen Erträge außerhalb des klassischen Rohstoffgeschäfts. Deutschland bietet dafür Unternehmen, Know-how, Patente, industrielle Lieferketten und Zugang zum europäischen Binnenmarkt.

Das macht die Partnerschaft nüchterner und interessanter. Deutschland erhält nicht einfach 40 Milliarden Euro geschenkt. Die Emirate erwerben mit Investitionen wirtschaftliche Positionen, Beteiligungen, Ertragschancen und Beziehungen zu Schlüsselunternehmen. Deutschland erhält im Gegenzug Kapital für Projekte, deren Finanzierung aus heimischen Quellen allein schwerer oder langsamer wäre.

Der Einstieg bei Covestro zeigt die Größenordnung, in der Abu Dhabi denkt. XRG steht für ein milliardenschweres Engagement in einem deutschen Industrieunternehmen. Masdar ist seit Jahren in europäische Windprojekte eingebunden. ADNOC liefert Energie und sucht langfristige Absatzbeziehungen. Die neue Investitionsankündigung fügt diese Felder zu einer strategischen Klammer zusammen.

Für Deutschland entsteht daraus eine zweite Frage neben der Höhe des Kapitals: In welchen Bereichen soll ausländisches Kapital willkommen sein, und wo beginnt wirtschaftliche Abhängigkeit? Eine pauschale Antwort hilft nicht. Ein Windpark, ein Rechenzentrum, ein Chemiekonzern und eine Gaslieferbeziehung stellen unterschiedliche Anforderungen an Kontrolle, Wettbewerb und Versorgungssicherheit. Das Investitionspaket zwingt zu einer Debatte über die Qualität des Kapitals, nicht nur über seine Menge.

Bayern beansprucht zehn Milliarden

Der Staatsbesuch endet nicht in Berlin. Am 11. September empfängt die bayerische Staatsregierung den Präsidenten der Emirate in München. Beim Wirtschaftsforum im Bayerischen Hof rückt der Freistaat einen Teil des Pakets in den Mittelpunkt. Die Staatsregierung spricht von zehn Milliarden Euro Investitionen der Emirate in Bayerns Wirtschaft. Bayern wirbt mit Luft- und Raumfahrt, Verteidigungstechnologie und künstlicher Intelligenz. Für den Freistaat passt emiratisches Kapital in eine Strategie, die Hochtechnologie und industrielle Wertschöpfung miteinander verbinden will.

Wie breit wirtschaftliche Beziehungen gedacht werden, zeigt eine Vereinbarung außerhalb von Fabriken und Energieanlagen. „Emirates“ erhält zusätzliche Verkehrsrechte für den Flughafen Berlin Brandenburg. Damit kann die Fluggesellschaft tägliche Langstreckenflüge zwischen Berlin und Dubai anbieten. Für eine Wirtschaftsregion ist eine direkte internationale Flugverbindung Infrastruktur. Sie verkürzt Wege für Geschäftsreisende, verbindet Berlin mit einem globalen Drehkreuz und öffnet Anschlüsse nach Asien, Afrika und Ozeanien. Der Berliner Senat spricht von einem Standortvorteil.

Quellen

Bundesregierung: Gemeinsame Erklärung zum Staatsbesuch des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate, 10.09.2026
Bundesregierung: Rekordinvestitionen der Vereinigten Arabischen Emirate in Deutschland, 11.09.2026
RWE: Vereinigte Arabische Emirate und RWE vertiefen Zusammenarbeit bei Offshore-Wind und LNG, 11.09.2026
ADNOC: Strategic Energy, Industry and Technology Agreements with German companies, 11.09.2026

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