Schiefer gibt gas

30.06.2026 (Red.-Schluss)

Eben noch am Gastropf von Russen, Katarern und US-Amerikanern, kriecht heimisches Gas aus allen für unmöglich gehaltenen Ritzen.

Fracking: Die Lunte brennt. (Zeichnung: getfax)
Warum in die Ferne schweifen?

Deutschland besinnt sich auf sich selbst. Das Zauberwort: Schiefer- und Flözgas. Das Land verfügt über riesige bislang ungenutzte Vorkommen davon. Das ergibt zeigt eine Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung. Sie schätzt die Fördermengen auf langfristig rund 20 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr, etwa ein Viertel des heutigen deutschen Gasbedarfs.

Was könnte man damit nicht alles anfangen? Weniger von Gas-Importen abhängig sein. Energie wäre nicht mehr so teuer. Die Industrie hätte mehr Versorgungssicherheit.

Man könnte einen Teil der LNG-Importe ersetzen. Dadurch würden Emissionen aus Verflüssigung, Transport und Regasifizierung entfallen. Das mögliche Einsparpotenzial schätzen die Autoren auf bis zu 18 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalenten pro Jahr.

Der Haken: In Deutschland ist unkonventionelle Erdgasförderung unter der Bezeichnung „Fracking“ verboten. Ohne sie lässt sich der Schatz der heimischen Gasvorkommen nicht heben. Einen Tod muss man sterben.

Zwischen Versorgungssicherheit und Importabhängigkeit

Der deutsche Erdgasmarkt hat sich in wenigen Jahren grundlegend verändert. Bis 2022 stammte ein erheblicher Teil der Lieferungen aus Russland. Nach dem Ausfall dieser Bezugsquelle mussten neue Versorgungswege aufgebaut werden. Flüssigerdgas aus den USA, Katar und weiteren Staaten ersetzt heute einen Teil der früheren Pipelineimporte. Dafür entstanden innerhalb kurzer Zeit LNG-Terminals an Nord- und Ostsee. Die Versorgung gilt inzwischen als stabil. Der Preis dafür bleibt hoch.

LNG verursacht Kosten, die bei Pipelinegas kaum nicht in dem Maße anfallen. Das Gas muss auf minus 162 Grad Celsius heruntergekühlt, mit Spezialschiffen transportiert und nach der Ankunft wieder in den gasförmigen Zustand überführt werden. Jeder dieser Schritte benötigt Energie. Die Lieferkette wird länger, teurer und störanfälliger.

Vor diesem Hintergrund erhält die Diskussion über heimische Gasvorkommen neue Aufmerksamkeit. Die Frage lautet nicht mehr allein, ob Deutschland Erdgas benötigt. Sie richtet sich auf die Herkunft. Soll das Land weiterhin fast vollständig auf Importe setzen oder einen Teil seines Bedarfs aus eigenen Lagerstätten decken?

Die Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung beantwortet diese Frage eindeutig. Nach ihrer Einschätzung könnte die Förderung von Schiefer- und Flözgas über Jahrzehnte einen Beitrag zur Energieversorgung leisten. Rund 20 Milliarden Kubikmeter jährlich würden etwa einem Viertel des heutigen deutschen Erdgasverbrauchs entsprechen. Das würde die Importabhängigkeit nicht beenden, aber mindern.

Industrie braucht kalkulierbare Energiepreise

Für viele Industriebetriebe ist Erdgas weit mehr als ein Heizstoff. Es dient als Rohstoff der Chemieindustrie, wird in Glaswerken, Keramikbetrieben und Stahlwerken eingesetzt und spielt in der Lebensmittelindustrie ebenso eine Rolle wie bei der Herstellung von Düngemitteln.

Steigende Gaspreise wirken sich deshalb nicht allein auf die Heizkosten privater Haushalte aus. Sie verändern Produktionskosten, Wettbewerbsfähigkeit und Investitionsentscheidungen. Unternehmen vergleichen Energiepreise international. Liegen die Kosten dauerhaft über denen konkurrierender Standorte, geraten Investitionen ins Ausland in Bewegung.

Betriebsräte erleben die Folgen unmittelbar. Produktionslinien werden stillgelegt, Schichten reduziert oder Investitionen verschoben. Nicht selten beginnen wirtschaftliche Schwierigkeiten mit dauerhaft hohen Energiekosten. Sie treffen zunächst den Betrieb, später die Beschäftigung.

Eine teilweise Eigenversorgung könnte diesen Zusammenhang entschärfen. Niemand erwartet dauerhaft billiges Erdgas. Größere heimische Fördermengen würden jedoch Preisschwankungen auf den Weltmärkten abfedern und Unternehmen mehr Planungssicherheit verschaffen.

Erdgas bleibt Bestandteil der Energiewende

Die Diskussion über Schiefergas wird häufig als Gegensatz zwischen Klimaschutz und fossilen Energieträgern dargestellt. So einfach ist die Lage nicht.

Wind- und Solarenergie liefern Strom abhängig von Wetter und Tageszeit. Dunkelflauten lassen sich bislang nur begrenzt durch Batteriespeicher überbrücken. Gaskraftwerke übernehmen deshalb weiterhin eine wichtige Funktion zur Stabilisierung des Stromnetzes.

Auch künftig Künftig dürfte Erdgas als Brückentechnologie benötigt werden. Selbst ambitionierte Ausbauziele für erneuerbare Energien setzen voraus, dass flexible Kraftwerke kurzfristig einspringen können. Dafür eignet sich Gas besser als Kohle. Moderne Anlagen lassen sich innerhalb kurzer Zeit hochfahren und wieder abschalten.

Die Herkunft des benötigten Gases bleibt daher eine energiepolitische Kernfrage. Wer auf Importe verzichtet, benötigt Alternativen. Wer Importe fortsetzt, akzeptiert wirtschaftliche und geopolitische Abhängigkeiten. Heimische Förderung eröffnet einen dritten Weg, löst allerdings neue Konflikte aus.

Fracking spaltet Politik und Gesellschaft

Der Begriff Fracking genügt, um heftige Reaktionen auszulösen. Befürworter sprechen von einer bewährten Fördertechnik. Gegner warnen vor Risiken für Grundwasser, Landschaft und Klima. Kaum Kein anderes energiepolitisches Thema polarisiert ähnlich stark.

Technisch geht es darum, wasserführende Gesteinsschichten unter hohem Druck aufzubrechen. Ein Gemisch aus Wasser, Sand und weiteren Stoffen erzeugt feine Risse im Gestein. Durch sie kann das eingeschlossene Erdgas in Förderbohrungen gelangen. Das Verfahren wird weltweit seit Jahrzehnten eingesetzt und ständig weiterentwickelt.

In Deutschland unterscheidet das Bergrecht zwischen konventioneller und unkonventioneller Erdgasförderung. Konventionelle Lagerstätten werden seit vielen Jahren erschlossen. Die Förderung von Schiefer- und Flözgas durch Fracking ist dagegen weitgehend untersagt. Zulässig bleiben lediglich wissenschaftliche Erprobungsmaßnahmen unter engen Voraussetzungen.

Umweltverbände sehen erhebliche Risiken

Kritiker weisen auf mehrere Problemfelder hin. Im Mittelpunkt steht der Schutz des Grundwassers. Sie befürchten, dass Bohrungen oder technische Defekte Schadstoffe in wasserführende Schichten gelangen lassen könnten. Hinzu kommt der hohe Wasserbedarf jeder Bohrung. Je nach geologischen Bedingungen werden mehrere Millionen Liter Wasser benötigt.

Ein weiterer Streitpunkt betrifft die Behandlung des zurückströmenden Wassers. Es enthält neben den eingesetzten Stoffen gelöste Mineralien und natürliche Bestandteile des Untergrunds. Reinigung, Transport und Entsorgung verursachen zusätzlichen Aufwand und Kosten.

Auch Flächenverbrauch und Verkehr spielen eine nicht unwichtige Rolle. Förderplätze, Zufahrten, Rohrleitungen und technische Anlagen verändern Landschaften. Während einzelne Bohrplätze vergleichsweise klein bleiben, entsteht bei einer großflächigen Erschließung ein Netz technischer Infrastruktur.

Schließlich verweisen Umweltorganisationen auf Methan. Erdgas besteht überwiegend aus diesem Treibhausgas. Gelangt es ungeplant in die Atmosphäre, wirkt es kurzfristig wesentlich klimaschädlicher als Kohlendioxid. Deshalb hängt die Klimabilanz entscheidend davon ab, wie dicht Förderanlagen gebaut und überwacht werden.

Andere Länder sammeln praktische Erfahrungen

Während Deutschland die Debatte überwiegend theoretisch führt, liegen in anderen Staaten jahrzehntelange Erfahrungen vor. Die Vereinigten Staaten haben ihre Erdgasförderung durch Fracking massiv ausgeweitet. Das Land entwickelte sich innerhalb weniger Jahre vom Importeur zu einem der größten Erdgasexporteure der Welt.

Auch Kanada fördert Schiefergas in erheblichem Umfang. Argentinien baut seine Lagerstätten aus. China investiert ebenfalls in die Erschließung eigener Vorkommen. Die politischen Rahmenbedingungen unterscheiden sich erheblich. Gemeinsam ist diesen Ländern das Ziel, Importabhängigkeiten zu verringern und die eigene Energieversorgung zu stärken.

Befürworter verweisen auf diese Beispiele. Sie argumentieren, moderne Technik habe Sicherheitsstandards erheblich verbessert. Gegner entgegnen, Deutschland verfüge über eine andere Besiedlungsstruktur, dichtere Nutzung des Bodens und empfindlichere Wasserschutzgebiete. Erfahrungen aus Nordamerika ließen sich deshalb nicht ohne Weiteres übertragen.

Wirtschaft verlangt neue Bewertung

Industrieverbände beobachten die Entwicklung mit wachsendem Interesse. Für sie geht es weniger um ideologische Grundsatzfragen als um Versorgungssicherheit und Standortkosten. Energieintensive Unternehmen benötigen langfristig kalkulierbare Rahmenbedingungen. Unsicherheit über Preise und Verfügbarkeit erschwert Investitionen.

Hinzu kommt ein geopolitischer Aspekt. Wer Rohstoffe überwiegend importiert, macht sich abhängig von außenpolitischen Entwicklungen. Konflikte, Sanktionen oder Handelsbeschränkungen können Lieferketten kurzfristig verändern. Eigene Fördermöglichkeiten erhöhen deshalb den Handlungsspielraum eines Landes.

Ob Deutschland diesen Weg einschlägt, bleibt offen. Das bestehende Verbot müsste politisch aufgehoben oder zumindest grundlegend geändert werden. Dafür wären breite parlamentarische Mehrheiten erforderlich. Die Diskussion dürfte deshalb nicht allein technisch geführt werden. Sie berührt Umweltpolitik, Wirtschaftspolitik, Klimaziele und gesellschaftliche Akzeptanz gleichermaßen.

Entscheidung mit langfristigen Folgen

Die Diskussion über Schiefer- und Flözgas wird Deutschland noch Jahre begleiten. Sie betrifft weit mehr als Energiepolitik. Auf dem Spiel stehen industrielle Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit, Klimaziele und Tausende Arbeitsplätze. Ein Festhalten am bestehenden Verbot sichert den Vorrang des Umwelt- und Gewässerschutzes, verlängert aber die Abhängigkeit von Importen. Eine kontrollierte Freigabe könnte heimische Ressourcen erschließen, setzt jedoch hohe technische Standards, wirksame Kontrollen und gesellschaftliche Akzeptanz voraus. Für Betriebsräte lohnt sich ein genauer Blick auf die Entwicklung. Energiepreise beeinflussen Investitionen, Produktionsstandorte und Beschäftigung unmittelbar. Entscheidungen über die Energieversorgung wirken deshalb bis in Werkhallen und Verwaltung hinein. Die Frage lautet nicht allein, ob Deutschland Schiefergas fördern will. Sie lautet ebenso, welchen Preis Unternehmen, Arbeitnehmer und Verbraucher dauerhaft für den Verzicht auf eigene Rohstoffe zahlen wollen.

Quellen

Friedrich-Naumann-Stiftung: Studie zur Nutzung heimischer Schiefer- und Flözgasvorkommen in Deutschland.
Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR): Erdgasressourcen und Fracking in Deutschland.
Umweltbundesamt: Informationen zu Fracking, Erdgasförderung und Klimawirkungen.

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