Blut, Diamanten und Tyrannengold

29.08.2026 (Red.-Schluss)

Big-Tech macht wieder von sich reden. Nach Kinder süchtig machenden Tricks diesmal durch mögliche Verbindungen zu Konfliktmaterialien aus Afrika. In Smartphones & Co sollen Metalle aus illegalen Quellen stecken, bezogen über weltweite Schmuggelringe. Im Zentrum steht Coltan aus der Demokratischen Republik Kongo.

Bei Anruf Mord (Zeichnung: getfax)

Bericht: Top-Big-Tech-Firmen kaufen in großem Stil Schmuggel-Rohstoffe ein

Sony, Microsoft, Amazon, LG Display, Ericsson, Toyota, Nvidia, Vodafone – das Who-is-Who der Digitalindustrie ist in einen weltweiten Schmuggelskandal über kritische Rohstoffe verwickelt. Jedenfalls wenn sich Berichte bewahrheiten sollten, über die „Global Witness“ jetzt berichtet. Eine Untersuchung hat demnach zu Tage gefördert, dass fünf der sieben größten ruandischen Coltan-Exporteure Coltan gekauft haben sollen, das aus Minen unter der M23-Rohstoffkontrolle der Demokratischen Republik (DR) Kongo geschmuggelt wurde. „Global Witness“ verbindet diese Exportketten mit Lieferketten großer internationaler Unternehmen. Die Publikation schränkt die Vermutung insoweit ein, als diese Unternehmen nicht nachweislich M23-Coltan gekauft hätten, sondern dass Konflikt-Coltan wahrscheinlich in entsprechende Lieferketten gelangte.

Zinn, Tantal, Wolfram, Gold, Kobalt – die Kette kritischer Rohstoffe ist lang. Ihr Einkäufer kauft nicht nur Material für Smartphones, Fahrzeuge, Maschinen, Batterien, Medizintechnik oder Rüstung. Er kauft sie von Minen, Händlern, Schmelzen, Raffinerien – und damit möglicherweise von bewaffneten Gruppen, korrupten Staatsapparaten und Schmuggelnetzwerken. Die Spur beginnt im Kongo, eines der rohstoffreichsten Länder. Kupfer, Kobalt, Gold, Diamanten, Zinn, Wolfram und Coltan als Ausgangsmaterial für Tantal lagern im Boden. Von da führt die Spur über Raffinerien und Metallhändler bis in europäische Fabriken.

Der Rohstoffreichtum hat dem Land keinen entsprechenden Wohlstand gebracht, dafür Jahrzehnte voller Konflikte. Nach Ende der belgischen Kolonialherrschaft übernahm 1965 Mobutu Sese Seko die Macht. Seine mehr als drei Jahrzehnte dauernde Herrschaft hinterließ schwache Institutionen und einen ausgeplünderten Staat. Nach Mobutus Sturz 1997 übernahm Laurent-Désiré Kabila die Führung. Ein stabiles staatliches Gewaltmonopol entstand nicht. 1998 begann der Zweite Kongokrieg. Ruanda und Uganda und weitere Staaten griffen ein. Rebellengruppen, staatliche Armeen und ausländische Akteure kämpften um politische Macht, Territorien – und Rohstoffe.

Der Krieg ging, das Grundproblem blieb. Wer eine Mine, eine Straße, einen Grenzübergang oder einen Handelsplatz kontrolliert, verfügt über eine Einnahmequelle. Fast drei Jahrzehnte nach Mobutus Sturz ist dieses Prinzip wieder sichtbar.

M23 bringt das alte Problem zurück

Das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (RND) schätzt die Zahl der Milizen im Kongo auf etwa einhundert. Unter diesen ist demzufolge die Alliance Fleuve Congo/Mouvement du 23 mars – AFC/M23 eine der mächtigsten. Sie kämpft seit Jahren gegen kongolesische Regierungstruppen und mit ihr verbündete Milizen, um sich den Zugang zu Bodenschätzen zu sichern. Im Osten der DR Kongo eskalierte der Konflikt mit der Rebellengruppe M23 erneut. Hinter der militärischen Auseinandersetzung steht ein Geflecht aus Sicherheitsinteressen, ethnischen Konflikten, staatlicher Schwäche und wirtschaftlichen Interessen.

Für Rohstoffeinkäufer ist das Gebiet Rubaya in der Provinz Nord-Kivu von besonderer Bedeutung. Dort befinden sich bedeutende Coltan-Vorkommen. Die UN-Expertengruppe zur DR Kongo dokumentierte für 2025, dass die AFC/M23 hier Coltan, Kassiterit und weitere Mineralien an zahlreichen Standorten ausbeutete. Die Erze wurden unter Aufsicht von Kämpfern gewaschen. M23 kontrollierte Handelsplätze und ein Netzwerk, über das Mineralien nach Ruanda geschmuggelt wurden.

Blutspur in der Lieferkette

Zwischen Mine und Endprodukt liegen zahlreiche Stufen:

  • Mine
  • lokaler Händler
  • Exporteur
  • Zwischenhändler
  • Schmelze oder Raffinerie
  • Metallverarbeiter
  • Komponentenhersteller
  • Tier-2- und Tier-1-Zulieferer
  • Hersteller
  • Händler.

Mit jeder Stufe wird die Herkunft schwerer erkennbar. Der industrielle Einkauf erhält eine technische Spezifikation, Materialnummer und Lieferantenerklärung. Das Metall selbst erzählt nicht, unter welchen Bedingungen das Erz gefördert wurde. Daraus entstand die Regulierung der Konfliktmineralien. Sie untersucht die Lieferkette des Materials.

3TG: Drei T, ein G, vier Metalle

Als klassische Konfliktmineralien gelten vier Rohstoffe. Ihre englischen Bezeichnungen ergeben das Kürzel 3TG:

  • Tin – Zinn
  • Tantalum – Tantal
  • Tungsten – Wolfram
  • Gold – Gold

Sie sind für moderne Industriegesellschaften von erheblicher Bedeutung.

Wolfram

Wolfram besitzt einen extrem hohen Schmelzpunkt, hohe Dichte und große Härte. Es steckt in Hartmetallen, Schneidwerkzeugen, Schweißelektroden, Elektronik, Maschinen, Luft- und Raumfahrttechnik sowie Rüstungs- und Medizintechnik. Damit berührt Wolfram Lieferketten weit außerhalb der Elektronikindustrie.

Tantal

Tantal ist korrosionsbeständig und temperaturfest. Eine zentrale Anwendung sind Tantalkondensatoren. Sie finden sich in Smartphones, Computern, Fahrzeugelektronik, Industrieanlagen, Medizintechnik sowie Luft- und Raumfahrtsystemen. Der Ausgangsstoff Coltan hat den Ostkongo zum Symbol der Conflict-Minerals-Debatte gemacht.

Zinn

Zinn ist für die Elektronikindustrie wegen seiner Verwendung in Loten wichtig. Weitere Einsatzgebiete liegen in Beschichtungen, Legierungen, Chemikalien und Energiespeichern. Kassiterit ist das wichtigste Zinnerz – und gehört zu den Mineralien, die im Konfliktgebiet des Ostkongo gewonnen werden.

Gold

Gold ist Schmuck, Anlagegut und Industriemetall. Elektronikhersteller nutzen es wegen seiner Korrosionsbeständigkeit und Leitfähigkeit für Kontakte und Leiterplatten. Weitere Einsatzgebiete liegen in Medizin, Optik und Luftfahrt. Gold stellt die Rückverfolgbarkeit vor besondere Probleme. Hoher Wert, geringes Gewicht, leichte Transportierbarkeit und die Möglichkeit des Einschmelzens machen es für illegale Handelsströme attraktiv.

Aus 3TG wird eine größere Rohstofffrage

Die Konzentration auf vier Konfliktmineralien reicht für die moderne Rohstoffwirtschaft nicht mehr aus. Energiewende, Elektromobilität, Digitalisierung, Rechenzentren und Rüstungsproduktion erhöhen den Bedarf an weiteren Mineralien. Damit rücken Kobalt, Lithium, Nickel, Kupfer, Naturgraphit und Glimmer in das Risikomanagement.

3TG greift zu kurz

Kobalt zeigt, warum eine Beschränkung auf 3TG zu kurz greift. Die DR Kongo besitzt eine herausragende Stellung bei der Kobaltgewinnung. Kobalt wird unter anderem für Batterien und Hochleistungslegierungen benötigt. Mit dem Wachstum der Elektromobilität gewann das Metall strategische Bedeutung.

Die Risiken unterscheiden sich teilweise von denen der klassischen Konfliktmineralien. Nicht jede problematische Mine finanziert eine Rebellengruppe. Menschenrechtliche Risiken können aus gefährlicher Arbeit, Kinderarbeit, Vertreibung, mangelndem Arbeitsschutz oder ausbeuterischen Strukturen entstehen. Konfliktrohstoff und Risikorohstoff sind deshalb keine Synonyme.

Für den Einkauf ist diese Unterscheidung wichtig. Eine Lieferkette kann rechtlich nicht unter die spezielle EU-Konfliktmineralien-Verordnung fallen und dennoch erhebliche menschenrechtliche oder ökologische Risiken enthalten.

Der amerikanische Anfang

Die USA machten Konfliktmineralien 2010 zum Gegenstand des Kapitalmarktrechts. Der Dodd-Frank Wall Street Reform and Consumer Protection Act entstand als Reaktion auf die Finanzkrise. In seinem Section 1502 versteckte sich eine Regelung mit globalen Folgen für industrielle Lieferketten. Sie betrifft Unternehmen, die der US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission – SEC – unterliegen und für deren Produkte Konfliktmineralien für Funktion oder Herstellung notwendig sind.

Gemeint sind Gold sowie Kassiterit, Columbit-Tantalit und Wolframit beziehungsweise deren Derivate Zinn, Tantal und Wolfram. Der geografische Ansatz ist enger als der europäische. Im Mittelpunkt stehen die DR Kongo und angrenzende Staaten. Das Gesetz verbietet Rohstoffe aus diesen Ländern nicht. Es verlangt Transparenz über Herkunft und Lieferkette.

Dodd-Frank lebt

2017 stand die Zukunft dieser Regelung unter der ersten Trump-Regierung zur Diskussion. Die Konfliktmineralien-Regeln verschwanden jedoch nicht. Noch 2026 reichen börsennotierte Unternehmen Conflict Minerals Reports bei der SEC ein. Sie beziehen sich auf Rule 13p-1 und Section 1502 des Dodd-Frank Act. Damit besteht die indirekte Wirkung auf europäische Lieferanten fort.

Ein deutscher Mittelständler kann außerhalb des unmittelbaren Anwendungsbereichs des US-Rechts liegen. Liefert er Komponenten an einen SEC-pflichtigen US-Kunden, kann dieser trotzdem Angaben zur Herkunft der enthaltenen 3TG verlangen. Die Regulierung wandert damit über Verträge und Lieferantenanforderungen durch die Wertschöpfungskette.

Von der Mine zur Schmelze

Der amerikanische Ansatz brachte eine zentrale Methode in die industrielle Praxis: Rückverfolgbarkeit bis zu Schmelzen und Raffinerien. Betroffene Unternehmen prüfen zunächst, ob Konfliktmineralien für Funktion oder Herstellung ihrer Produkte notwendig sind. Dann folgt eine Reasonable Country of Origin Inquiry – RCOI. Sie soll mit vertretbarem Aufwand klären, woher die Mineralien stammen.

Ergeben sich Hinweise auf die DR Kongo oder angrenzende Länder beziehungsweise lässt sich eine entsprechende Herkunft nicht ausschließen, folgt eine weitergehende Due Diligence über Herkunft und Lieferkette. Die Schmelze besitzt dabei eine Schlüsselposition. Erz unterschiedlicher Herkunft wird dort verarbeitet. Hinter der Schmelze verliert das Ausgangsmaterial einen erheblichen Teil seiner physischen Identität. Deshalb konzentrieren sich Audit- und Rückverfolgungssysteme auf diesen Flaschenhals.

Quellen

Europäische Kommission: Conflict Minerals Regulation – Verordnung (EU) 2017/821; Informationen zu Anwendungsbereich, Sorgfaltspflichten, Konflikt- und Hochrisikogebieten sowie zur Überprüfung der Verordnung, Brüssel, Stand 2026.

Europäische Kommission: Review of the Conflict Minerals Regulation (EU) 2017/821, Ausschreibung EC-TRADE/2026/OP/0007, 16.06.2026.

United Nations Security Council: Final report of the Group of Experts on the Democratic Republic of the Congo, S/2025/446, New York 2025; Angaben zur Kontrolle der Mineralproduktion und des Handels in Rubaya durch AFC/M23 sowie zu Coltan-, Kassiterit- und weiteren Mineralströmen Richtung Ruanda.

U.S. Securities and Exchange Commission – SEC: Rule 13p-1 und Form SD zur Umsetzung von Section 1502 des Dodd-Frank Wall Street Reform and Consumer Protection Act.

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