Käfer für die Eiserne Kuppel
14.09.2026 (Red.-Schluss)
Die Ukraine braucht Munition, doch die Geldgeber mauern. Selbst Hauptsponsor USA muss passen. Ihm gehen die wichtigen Abfangraketen aus oder werden andernorts gebraucht. Einkäufer sehen sich verzweifelt nach Bezugsquellen um. Die Umwidmung eines VW-Werkes zum Ableger eines Abfangraketenbauers zeigt, in welche Richtung die Entwicklung geht.

Keine Patriot für Patrioten
Die Bestände der US-Streitkräfte in Europa gingen größtenteils bei dem von USA und Israel vom Zaun gebrochenen Krieg gegen den Iran drauf. Der dafür hohe Verbrauch vor allem der wichtigen Patriot-Abfangraketen drückte sie auf ein kritisches Level, berichtet Ende August 2026 die Nachrichtenagentur AP unter Berufung auf amerikanische und europäische Regierungsvertreter. Die USA haben demnach der Ukraine seit Beginn des Krieges rund 600 Patriot-Flugkörper geliefert. Nun konkurrieren mehrere Einsatzräume um dieselben Bestände, die „Patrioten in der Ukraine“ haben das Nachsehen.
Russland greift derweil unverdrossen weiter Energieanlagen, Verkehrswege, Städte und Industrie mit Raketen und Drohnen an. Am 8. September kündigt die Bundesregierung weitere PAC-2-Abfangraketen aus Beständen der Bundeswehr an. Reuters meldet, die Ukraine habe rund 1.000 Patriot-Flugkörper bestellt. Die ständen allerdings großenteils kurzfristig nicht zur Verfügung. Wer heute bestellt, erhält nicht zwingend morgen Ware. Das zieht sich durch die gesamte Lieferkette von der Verfügbarkeit freier Kapazität in der Produktionslinie von den Vorprodukten bis zur Möglichkeit in Partnerstaaten, Bestände abzugeben und die passgerechte Bereitstellung technischer Alternativen für das vorhandene System.
Einkauf auf mehreren Schultern
Zur Lösung des Problems geht die Ukraine dazu über, Bedarf näher am Verbraucher und auf mehr Schultern verteilt zu decken. Das Land baut die eigene Rüstungsproduktion aus. Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums stammten 2025 schon 82 Prozent der von der staatlichen Beschaffungsagentur DOT kontrahierten Waffen, Ausrüstungen und Munition aus ukrainischer Produktion. Importware machte 18 Prozent aus. Bei komplexen Flugabwehrraketen bleibt die Abhängigkeit von ausländischen Systemen groß. Bei Artilleriemunition, Drohnen und anderen Verbrauchsgütern verkürzt heimische Fertigung jedoch Lieferwege und vermindert die Abhängigkeit von einzelnen Geberstaaten.
Rheinmetall liefert 155-Millimeter-Artilleriemunition aus einem grenzüberschreitenden Produktionsnetz. Ein im Juli gemeldeter Auftrag für die Ukraine umfasst mehrere tausend Geschosse. Die Projektile entstehen bei Rheinmetall Expal Munitions in Spanien, die modularen Treibladungen kommen von Nitrochemie. Ein weiterer Auftrag wird erstmals mit Geschossen aus dem Werk Niedersachsen in Unterlüß bedient. Rheinmetall nennt für 2030 eine Zielkapazität von rund 1,5 Millionen 155-Millimeter-Geschossen pro Jahr. Die Europäische Union hat das Problem früh bei Pulver und Explosivstoffen verortet. Mit dem Programm ASAP stellt sie 500 Millionen Euro bereit, um die europäische Fertigungskapazität für Artilleriemunition hochzufahren. Rund drei Viertel der Förderung fließen in Pulver und Explosivstoffe. Ziel: europäische Jahreskapazität von zwei Millionen Geschossen bis Ende 2025.
Für Einkäufer ist diese Ebene entscheidend. Eine zusätzliche Montagehalle beseitigt keinen Mangel an energetischen Stoffen. Ein zweiter Lieferant für Metallkörper hilft nicht, wenn Treibladung oder Zünder fehlen. Resilienz entsteht nicht durch eine längere Lieferantenliste für das Endprodukt, sondern durch Transparenz bis in die kritischen Vorstufen. Wie sich dies in den Griff bekommen lässt, stand unter anderem im Mittelpunkt der Diskussion des Defence Supply Chain Panel der maritimen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie auf der diesjährigen SMM 2026 in Hamburg, die der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) am 1. September veranstaltet hat. Es ging um die Frage, wie Beschaffung, Industrie und Technologieanbieter belastbare Liefer- und Wertschöpfungsnetze schaffen. Die Antwort der Veranstalter: Resiliente Lieferketten sind für Verteidigungsbereitschaft kein unterstützender Faktor, sondern strategische Voraussetzung.
SVI-Connect für Kriegsindustrie
Rheinmetall, KNDS, Diehl Defence, MBDA, TKMS oder andere Systemhäuser können ihre Ausbringung nur erhöhen, wenn Zulieferer mitwachsen. Benötigt werden metallverarbeitende Betriebe, Spezialchemie, Kabel, Elektronik, Sensorik, Software, Prüf- und Messtechnik, Verpackung, Transportkapazität und sichere Datenverarbeitung. BME und der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (BDSV) haben dafür die Plattform „SVI-Connect“ aufgebaut. Sie soll Bedarfe der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie mit industriellen Ressourcen von Unternehmen zusammenführen, die bislang nicht oder nur am Rand im Defence-Geschäft tätig sind. Lieferanten können geeignete direkte Produktionsmaterialien vorstellen; Einkäufer erhalten eine strukturierte Marktübersicht und können Bedarfe einstellen.
Das ist Beschaffungspolitik mit industrieller Konsequenz. Der Engpass wird nicht erst bearbeitet, wenn ein fertiges Geschoss fehlt. Der Einkauf sucht vorher nach Maschinenstunden, Werkstoffen, Komponenten und qualifizierten Lieferanten. Damit öffnet sich ein Markt für Mittelständler, die sich selbst nie als Rüstungsunternehmen verstanden haben, deren Fertigungswissen aber in einer kritischen Lieferkette gebraucht wird.
Käfer-Werk wird Iron-Dome-Ableger
Wie weit diese Suche nach neuen industriellen Kapazitäten reicht, zeigt Volkswagen, einst Hersteller des legendären VW-Käfers. Für das VW-Werk Osnabrück haben Volkswagen, das Land Niedersachsen und ein israelischer Investor am 7. September eine Absichtserklärung unterzeichnet. Nach dem Ende der Autoproduktion 2027 soll der Standort für Verteidigungsprojekte genutzt werden. Im Gespräch ist die Fertigung von Komponenten für Luftverteidigungssysteme in Zusammenarbeit mit dem israelischen Hersteller Rafael Advanced Defense Systems. Dessen bekanntestes, wenngleich angesichts zahlreicher Einschläge iranischer Raketen in Tel Aviv und anderen Orten in Israel offenbar im Einsatz nicht immer erfolgreiches Produkt ist das legendäre Raketenabwehrsystem „Iron Dome“, „Eiserne Kuppel“.
Damit wird aus der Suche nach zusätzlichen Lieferanten eine industriepolitische Verschiebung: Fertigungskapazitäten, Maschinen und Know-how der Automobilindustrie können in Lieferketten der Verteidigungsindustrie wechseln. Was bislang Autoteile hervorbringt, kann künftig Komponenten für militärische Systeme liefern.
Gemeinsam bestellen statt gegeneinander bieten
Eine Antwort der Nato-Staaten auf die Frage „Wo einkaufen?“ lautet: gemeinsam. Nato-Staaten versuchen, Nachfrage zu bündeln und technische Unterschiede abzubauen. Beim NATO Defence Industry Forum in Ankara im Juli vereinbarten mehrere Mitgliedstaaten die Entwicklung einer generischen 155-Millimeter-Munition. Ziel ist ein austauschbares, interoperables Geschoss, das Produktionshemmnisse zwischen unterschiedlichen Artilleriesystemen verringert. Die NATO Support and Procurement Agency schloss zudem Rahmenverträge für zusätzliche 155-Millimeter-Munition und loitering munitions, deutsch: Kamikazedrohnen.
Standardisierung ist dabei ein Beschaffungsinstrument. Je mehr Sondervarianten Streitkräfte verlangen, desto kleiner werden Lose und desto schwerer lassen sich Fertigungslinien auslasten. Gemeinsame Spezifikationen vergrößern den Markt für Anbieter, erleichtern Zweitquellen und erlauben Partnerstaaten, Bestände untereinander zu verschieben. Aus militärischer Interoperabilität wird industrielle Skalierbarkeit. Der Einkauf erhält damit eine Aufgabe, die aus zivilen Krisenlieferketten bekannt ist: Bedarf bündeln, Varianten reduzieren, Lieferanten qualifizieren, kritische Vorprodukte identifizieren und Alternativen vor dem Ausfall freigeben. Der Unterschied liegt in der Tragweite. Bei Munition kann ein fehlendes Teil nicht durch längere Lieferzeit kompensiert werden, wenn der Verbrauch im Einsatz weiterläuft.
Amerika nur ein Lieferant
Die USA verschwinden deshalb nicht aus der europäischen Beschaffung. Bei Patriot bleiben die USA auf absehbare Zeit unverzichtbar. Washington reagiert selbst auf die Knappheit und treibt zusätzliche Kapazitäten an. Ein Lieferant kann technologisch führend und politisch verlässlich sein und trotzdem nicht genügend Ware besitzen. Der Engpass bei Patriot zeigt die Grenze einer Beschaffungsstrategie, die Verfügbarkeit mit Bündniszugehörigkeit verwechselt.
Europa beschafft damit auf mehreren Wegen: in den USA, aus europäischer Fertigung, aus ukrainischer Produktion sowie über multinationale Beschaffungsprogramme und qualifizierte Zweitquellen. Produktionskapazität lässt sich überdies nicht erst im Krisenfall kaufen. Hersteller investieren in neue Linien, wenn sie über Jahre mit belastbarer Nachfrage rechnen können. Langfristige Verträge, Rahmenvereinbarungen und gebündelte Bestellungen werden zu einem Teil der Versorgungssicherheit. Der niedrigste Stückpreis verliert an Bedeutung, wenn der günstigste Anbieter im Bedarfsfall nicht liefern kann.
Lieferkette sorgt für Verteidigungsfähigkeit
Die Debatte auf dem BME-Panel über Verteidigung kreist um Milliardenbudgets, Waffensysteme und politische Entscheidungen. Zwischen bewilligtem Geld und einsatzfähigem Material liegt jedoch eine Lieferkette. Sie beginnt bei Rohstoffen und Vorprodukten, führt über spezialisierte Mittelständler und Systemhäuser bis zu Depots, Häfen und Einheiten. Die Ukraine kauft zu Hause, in Europa und über ihre Partner in den USA. Nato-Staaten bündeln Bestellungen. Europäische Hersteller verteilen Fertigung über mehrere Standorte. Plattformen wie SVI-Connect sollen zusätzliche Zulieferer in den Markt holen. Ausgerechnet die Munitionsknappheit macht damit sichtbar, was Einkauf leisten kann. Er verwaltet nicht nur Bestellungen. Er entscheidet mit darüber, ob industrielle Kapazität rechtzeitig entsteht, ob ein zweiter Lieferweg existiert und ob ein Engpass erkannt wird, bevor aus ihm ein Ausfall wird. Wenn selbst der größte Rüstungsmarkt der Welt bei einzelnen Munitionsarten knapp disponiert, ist das die eigentliche Botschaft für Europas Beschaffer: Sicherheit beginnt nicht im Lager. Sie beginnt in der Lieferkette.
Quellen
Associated Press, 31.08.2026: US Patriot missile stocks in Europe are ‚beyond critical‘ due to Iran war, officials say – https://apnews.com/article/09c7d8030a2e11fbd8ee3f7176b3f2d4
BME, 02.09.2026: BME und SVI-Connect auf der SMM 2026: Maritime Verteidigungsfähigkeit braucht starke Lieferketten – https://www.bme.de/news/
Rheinmetall, 07./14.07.2026: Artilleriemunition für die Ukraine; Produktion in Spanien und Unterlüß, Ausbau der 155-mm-Kapazität – https://www.rheinmetall.com/de/media/news-watch/news/2026/07/2026-07-07-rheinmetall-liefert-artilleriemunition-in-die-ukraine-finanzierung-durch-einen-nato-staat NATO, 07.07.2026: Allies meet strike capability requirements with multinational initiatives – https://www.nato.int/en/news-and-events/articles/news/2026/07/07/allies-meet-strike-capability-requirements-with-multinational-initiatives
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