Diesel für Donald
13.10.2026 (Red.-Schluss)
Trump macht Deals, wie sie fallen. Vereinbarungen oder Vorschriften sind ihm egal. Für russischen Diesel lässt er Sanktionen lockern, Indien will er den Kauf russischen Rohöls verbieten. Allerdings steht bei der Vereinbarung mit dem Kreml der Gewinner noch nicht fest.

Geschäft mit dem Kreml
Am 9. Oktober verkündet US-Präsident Donald Trump ein Geschäft mit dem Kreml. Insgesamt mehr als 4,8 Millionen Tonnen Diesel soll Russland für den amerikanischen und internationalen Markt freigeben. Mehr als 300.000 Tonnen sofort, im November weitere 500.000 Tonnen, danach eine Million Tonnen. Drei Millionen Tonnen stellt Trump zusätzlich in Aussicht, abhängig vom Zustand der russischen Raffinerien. Das US-Finanzministerium erteilt am selben Tag eine Ausnahme von Russland-Sanktionen.
Die Vereinbarung ist eine Ankündigung. Einzelheiten wie Transportkapazitäten und zum Zustand russischer Raffinerien sind noch zu klären. Ein Nachweis, dass die genannten Mengen verladen oder in den USA eingetroffen sind, liegt nicht vor.
Diesel auf Bestellung
Diesel treibt Lastwagen, Landmaschinen, Baugeräte und Industrie an. Der Preis schlägt durch auf Frachtkosten, Ernte, Baustellen und Beschaffung. In USA ist er zum politischen Problem geworden. Am gestrigen Montag kostet Diesel in den USA durchschnittlich 6,27 US-Dollar je Gallone oder umgerechnet 1,66 US-Dollar je Liter bzw. bei aktuellem Wechselkurs umgerechnet rund 1,50 Euro je Liter – für europäische Verhältnisse also noch kein Grund zum Ausrasten. Für den US-Bürger an der Zapfsäule allerdings, muss er doch seinen Lieben daheim einen Preissprung von rund 71 Prozent erklären – von 3,67 Dollar vor einem Jahr. Eine Erklärung, die für die anstehenden US-Kongresswahlen am 3. November nicht ohne Bedeutung sein dürfte, gelten sie doch als eine Art Zwischenzeugnis für die Regierung vor den Präsidentschaftswahlen in zwei Jahren.
Die USA können Diesel selbst herstellen und tun es. Sie gehören zu den größten Erdölproduzenten, Raffineriestandorten und Exporteuren von Mineralölprodukten der Welt. Die US-Raffinerien produzieren sämtliche wichtigen Kraftstoffe. Benzin hat den größten Anteil am Ausstoß vor Diesel und anderen Destillate mit dem zweitgrößten Anteil vor Kerosin mit dem drittgrößten.
Die Raffinerien arbeiten mit hoher Auslastung. Für die Woche bis zum 2. Oktober 2026 meldete die US-Energiebehörde Energy Information Administration (EIA) 92,7 Prozent. Die Vorräte an Diesel und anderen Destillaten betrugen 105,1 Millionen Barrel. Zusätzliche Ware wird benötigt, um die Versorgung zu entlasten, ohne dass den USA grundsätzlich Rohöl oder Raffinerien fehlen.
Mehr Diesel herzustellen ist innerhalb technischer Grenzen möglich, geht aber zulasten anderer Produkte. Ein anderer Belastungsfaktor ist der von Trump angezettelte Krieg im Nahen Osten. Er belastet die Versorgung mit Ölprodukten zusätzlich. Auf Seiten Russlands verringern Angriffe der Ukraine auf Raffinerien in Russland deren Produktionsmöglichkeiten.
Was Washington anderen Käufern russischer Energie zum Vorwurf macht, soll die amerikanischen Dieselpreise senken. Trump will zusätzliche Ware auf den Markt bringen, ohne eine neue Raffinerie bauen zu müssen. Sein Mittel ist eine Lockerung der Sanktionen gegen russischen Diesel. Für amerikanische Abnehmer entsteht ein neuer Bezugsweg. Europäischen Einkäufern entsteht daraus keine entsprechende Einfuhrerlaubnis. Die EU hat ihre Verbote für russische Mineralölprodukte nicht aufgehoben.
Damit gelten für denselben Energieträger unterschiedliche Regeln. Ein US-Unternehmen kann unter den Voraussetzungen einer amerikanischen Genehmigung ein Geschäft prüfen, das einem EU-Unternehmen für die Einfuhr in die Union verboten bleibt. Der internationale Markt reagiert auf zusätzliche Angebote und Erwartungen. Das Sanktionsrecht richtet sich dagegen nach Rechtsordnung, Beteiligten, Produkt und Lieferweg.
Washington öffnet Sanktionsfenster
Die amerikanische Sanktionsbehörde Office of Foreign Assets Control (OFAC) veröffentlicht am 9. Oktober die General License 135. Sie erlaubt bestimmte Geschäfte mit Diesel russischen Ursprungs, soweit diese nach den darin genannten amerikanischen Sanktionsvorschriften untersagt wären. Der Text nennt Verkauf, Lieferung, Entladung und Einfuhr, einschließlich der Einfuhr in die Vereinigten Staaten. Die Erlaubnis läuft bis 7. April 2027.
Die Lizenz gestattet keine Belastung von Konten bei US-Finanzinstituten, die der russischen Zentralbank, dem russischen Nationalen Wohlstandsfonds oder dem russischen Finanzministerium gehören. Zahlungsweg und Vertragspartner bleiben damit prüfungsbedürftig. Aus der Lizenz folgt keine pauschale Freigabe aller Russland-Geschäfte.
300.000 Tonnen gegen Weltmarkt
Die zuerst angekündigten 300.000 Tonnen entsprechen rund 2,25 Millionen Barrel Diesel. Die EIA beziffert den täglichen US-Verbrauch von Diesel und anderen Destillatkraftstoffen auf rund 3,77 Millionen Barrel. Rechnerisch deckt die erste Tranche damit rund 14 Stunden amerikanischen Verbrauchs. Die Größen sind nicht ganz deckungsgleich: Die Verbrauchszahl umfasst neben Diesel weitere Destillate.
Der Vergleich beschreibt die Größenordnung, nicht den tatsächlichen Beitrag zur amerikanischen Versorgung. Trump spricht vom amerikanischen und globalen Markt. Die 300.000 Tonnen müssen nicht vollständig in amerikanischen Häfen ankommen. Zudem kann Ware, die bisher einen anderen Käufer versorgte, ihren Bestimmungsort wechseln. Eine Umlenkung ist keine zusätzliche Weltproduktion.
Raffinerien unter Beschuss
Offen bei dem Deal ist der Zustand der Anlagen in Russland als eine der Voraussetzungen des Geschäfts. Russische Raffinerien sind Ziel ukrainischer Drohnenangriffe. Die Schäden betreffen Verarbeitungskapazitäten und Transportabläufe. Russland hat zeitweise Dieselausfuhren beschränkt, um den eigenen Markt zu versorgen. US-Medien berichten über Engpässe und Zweifel an der Lieferfähigkeit.
Rohöl ist nicht Diesel. Zwischen Förderung und Tankstelle liegen Raffination, Lagerung, Qualitätskontrolle und Transport. Ein zusätzlicher Rohölbestand ersetzt keine ausgefallene Raffinerieanlage. Selbst wenn genügend Rohöl vorhanden ist, kann die verfügbare Dieselmenge begrenzt bleiben. Für den Export kommen geeignete Tanker, Häfen, Versicherungen und Abnehmer hinzu.
Trump erklärt zudem, eine Waffenruhe für Angriffe auf Energieanlagen sei vereinbart worden. Ukrainische Stellen bestreiten nach Berichten der Financial Times, eine solche Vereinbarung zu kennen. Für Einkäufer ist eine politische Erklärung kein Nachweis, dass Raffinerien und Transportwege geschützt sind.
Preis reagiert vor Lieferung
Die Märkte warten nicht auf den ersten Tanker. Nach Bekanntgabe des Geschäfts fallen amerikanische Diesel-Terminkontrakte. Der Rückgang belegt eine Marktreaktion, nicht, dass Russland die zugesagte Menge geliefert hat. Preise können sich aufgrund von Erwartungen bewegen und bei ausbleibender Lieferung erneut ändern. Unternehmen mit Dieselbedarf unterscheiden zwischen Tageskurs, vereinbartem Einkaufspreis und tatsächlich berechneter Lieferung.
Wer Transportleistungen einkauft, zahlt Diesel nicht zwangsläufig direkt. Kraftstoff geht über Frachtraten, Dieselzuschläge oder Preisgleitklauseln in den Vertrag ein. Solche Klauseln beziehen sich auf vereinbarte Indizes und Abrechnungszeiträume. Ein kurzfristiger Kursrückgang führt nicht in jedem Vertrag sofort zu niedrigeren Kosten.
Der amerikanische Wahlkalender
Die Vereinbarung fällt gut drei Wochen vor den amerikanischen Kongresswahlen am 3. November. Hohe Dieselpreise belasten Transportunternehmen, Landwirtschaft und Verbraucher. Reuters beschreibt die Kraftstoffkosten als politisches Risiko für Trumps Republikaner. Der Präsident setzt auf mehr Angebot, um die Preise zu drücken.
Ob russischer Diesel noch vor dem Wahltag in einer Menge verfügbar wird, die amerikanische Verbraucherpreise beeinflusst, bleibt offen. Fachleute bezweifeln eine starke Wirkung der genannten Liefermenge. Die Transportzeit zwischen Vereinbarung und Ankunft setzt der kurzfristigen Wirkung Grenzen.
Für Indien andere Maßstäbe
Während Washington russischen Diesel für den eigenen Markt freigibt, droht es Indien wegen dessen Käufen russischen Rohöls mit weiteren Handelsmaßnahmen. Die Economic Times berichtet am 12. Oktober, Neu-Delhi prüfe die amerikanische Ankündigung und ihre Folgen für die eigene Energieversorgung. Im Raum stehen mögliche Strafzölle der USA von bis zu 100 Prozent. Eine entsprechende Drohung ist nicht mit einem erhobenen Zollsatz gleichzusetzen.
Es stellt sich die Frage nach unterschiedlichen Maßstäben. Die USA kritisieren den Energiehandel Indiens mit Russland, während sie selbst Lieferungen aus Russland ermöglichen, ein handelspolitischer Widerspruch. Bislang jedenfalls leitet die US-Regierung daraus keine Erleichterungen für indische Käufer ab.
Für deutsche Einkäufer mit indischen Lieferanten entsteht ein zweites Risiko neben dem Energiepreis. Amerikanische Zölle auf indische Waren können Absatzmärkte und Investitionsrechnungen verändern. Ein Hersteller in Indien, der Maschinen oder Vorprodukte für eine Produktion mit US-Kunden benötigt, kalkuliert unter anderen Bedingungen, wenn der Zugang zum amerikanischen Markt teurer wird.
Europa beharrt auf Einfuhrverbot
Unterdessen bleibt die Europäische Union bei dem bisherigen Sanktionskurs, der für russische Mineralölprodukte Einfuhrverbote vorsieht. Seit dem 21. Januar 2026 erfasst Artikel 3ma der Verordnung (EU) Nr. 833/2014 zudem bestimmte Mineralölprodukte, die in einem Drittland aus russischem Rohöl hergestellt wurden.
Für einen Importeur zählt damit nicht allein, aus welchem Land der fertige Diesel verschifft wird. Bei betroffenen Waren muss er klären, aus welchem Rohöl das Produkt hergestellt wurde. Die Kommission verlangt geeignete Sorgfaltsprüfungen und Herkunftsnachweise. Für bestimmte Partnerländer und Konstellationen gelten Sonderregeln. Die Prüfung richtet sich nach der einschlägigen Vorschrift und dem konkreten Warenstrom.
Ein Dieselgeschäft, das nach der amerikanischen General License 135 erlaubt sein kann, wird dadurch nicht für die Einfuhr in die EU zulässig. Die amerikanische Behörde kann keine europäischen Einfuhrverbote außer Kraft setzen. Ebenso wenig hebt die europäische Regelung die amerikanische Lizenz auf. Unternehmen mit Geschäftstätigkeit in mehreren Rechtsräumen werden beide Regelwerke getrennt prüfen.
Quellen
OFAC, General License 135, 09.10.2026
Reuters, What’s in the diesel deal between Putin and Trump?, 12.10.2026
Europäische Kommission, Einfuhrverbot für Raffinerieprodukte aus russischem Rohöl, 15.06.2026
Economic Times, India awaits how Trump will route diesel buy from Russia, 12.10.2026
Nutzungsrechte für Beiträge von getfax.de können Sie bei der Redaktion erwerben: redaktion@getfax.de
