Ex oriette Lieferkette

20.06.2026 (Red.-Schluss)

Die Lieferkette kommt aus dem Osten. Deutschland will seine Abhängigkeit von China und seine Risiken in der Lieferkette verringern, De-Risking das Motto. Tatsächlich steigt sie. Batterien, Antibiotika, Vitaminen, Solarmodulen, Seltene Erden – alles hängt an China. Logistik folgt dem politischen Wunschzettel nicht.

Licht kommt aus dem Osten – und Deutschlands Lieferketten auch (Bild: getfax/KI)
De-Risking: Rolle rückwärts

De-Risking? Von wegen. Deutschland will seine Abhängigkeit von China verringern. Auf dem Papier. Tatsächlich wächst sie bei strategisch wichtigen Gütern sogar. Das zeigt eine aktuelle Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung.

Lithium bis Solar made in China

Chinas Anteil an den deutschen Importen von Lithium-Batterien steigt demnach von Jahr zu Jahr. Binnen nur zwei Jahren legte sie knapp 50 auf mehr als 66 Prozent zu bei Antibiotika von 65 auf fast 73 Prozent und bei Vitaminen von 71 auf mehr als 81 Prozent. Bei Solarmodulen erreicht China einen Anteil von über 92 Prozent. Deutsche Wirtschaftspolitik mit ihrem Ziel des De-Risking legt eine Rolle rückwärts nach der anderen hin.

Seltene Erden immer seltener in Deutschland

Besonders kritisch bleibt die Lage bei Seltenen Erden. Sie sind unverzichtbar für Elektromotoren, Elektronik und zahlreiche Industrieanwendungen. Hier wie da: die Abhängigkeit nimmt zu.

Folge: Je stärker Lieferketten auf einen einzigen Herkunftsmarkt ausgerichtet sind, desto größer die Risiken durch politische Konflikte, Exportbeschränkungen oder Transportstörungen. Ex oriente lux – und die Lieferkette für Deutschland. Sie kommt aus dem Osten – und bislang gibt es keine Anzeichen für eine Umkehr.

Batterien: Abhängigkeit mit eingebautem Beschleuniger

Bei Lithium-Ionen-Akkumulatoren fällt die Entwicklung besonders kräftig aus. Ihr Anteil aus China am deutschen Importgewicht lag 2023 bei 49,7 Prozent. Ein Jahr später waren es 62,8 Prozent, 2025 66,5 Prozent. Beim Importwert stieg der chinesische Anteil im selben Zeitraum von 41,5 auf 55,5 Prozent. Zwei Drittel der eingeführten Batteriemenge kommen damit aus einem Land, dessen Bedeutung Deutschland nach seiner China-Strategie reduzieren wollte.

Das trifft eine Schlüsseltechnologie. Lithium-Ionen-Akkumulatoren treiben Elektrofahrzeuge an und speichern Strom aus Wind- und Solaranlagen. Für die Automobilindustrie bilden Batterien einen erheblichen Teil der Wertschöpfung. Ohne verlässliche Versorgung mit Zellen und Batteriesystemen stockt die Produktion.

China verfügt damit über einen Hebel, den Deutschland kurzfristig nicht ersetzen kann. Neue Batteriefabriken entstehen nicht auf Bestellung. Sie benötigen Kapital, Rohstoffe, Energie, Fachkräfte, Genehmigungen und Abnehmer. Da löst eine Batteriefabrik in Europa das Problem nicht. Vorprodukte, Materialien oder Maschinen können ihrerseits aus China stammen.

Wie konkret das Risiko ist, zeigte China mit angekündigten Exportkontrollen für bestimmte hochwertige Lithium-Ionen-Batterien. Sie sollten Ausfuhren genehmigungspflichtig machen. Die Maßnahmen wurden vor Inkrafttreten ausgesetzt. Für den Einkauf bleibt die Botschaft: Lieferfähigkeit ist keine Naturkonstante. Eine politische Entscheidung kann aus einem funktionierenden Beschaffungsweg einen Engpass machen. Die Studie untersucht zudem ausschließlich direkte deutsche Importe aus China. Lieferungen über Drittstaaten bleiben unberücksichtigt. Die tatsächliche Abhängigkeit kann höher liegen.

Sonne aus Fernost

Noch eindeutiger fällt die Bilanz bei Photovoltaik aus. 2023 kamen 88,8 Prozent des deutschen Importgewichts bei Solarpanels aus China. 2025 waren es 92,6 Prozent. Beim Importwert erreicht der chinesische Anteil 88,5 Prozent. Von Diversifizierung kann bei solchen Größenordnungen nicht die Rede sein.

Der Preis dafür erscheint zunächst niedrig. Chinesische Hersteller produzieren aufgrund ihrer Größenordnung und staatlicher Förderung günstig. Deutschland bekommt Solarmodule zu Preisen, die den Ausbau der Photovoltaik erleichtern. Was Energieverbrauchern und Anlagenbetreibern entgegenkommt, erschwert europäischen Produzenten den Aufbau eigener Kapazitäten. Billige Importe und Versorgungssicherheit verfolgen unterschiedliche Rechnungen.

Die USA und Indien reagieren mit Zöllen auf chinesische Konkurrenz. Europa profitiert dagegen weiter von niedrigen Importpreisen. Das beschleunigt den Ausbau erneuerbarer Energien, bindet einen wichtigen Teil der dafür benötigten Technik aber an einen dominierenden Liefermarkt.

Dass De-Risking funktionieren kann, zeigt ausgerechnet eine andere Komponente der Photovoltaik. Bei Wechselrichtern sank der chinesische Anteil an der deutschen Importmenge von 51,3 Prozent 2023 auf 40,7 Prozent 2025. Beim Importwert ging er von 45,7 auf 26,2 Prozent zurück. Marktanteile wanderten unter anderem nach Ungarn und Tschechien. Lieferketten lassen sich verbreitern. Sie tun es nur nicht von selbst.

Bei Wechselrichtern kommt ein weiterer Aspekt hinzu. Die Geräte wandeln den von Solarmodulen erzeugten Gleichstrom in netzfähigen Wechselstrom um und sind elektronisch steuerbar. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik sieht darin ein Sicherheitsrisiko. Die Abhängigkeit endet bei vernetzter Technik nicht mit der Lieferung an der Werkstür. Sie kann während des Betriebs fortbestehen.

Apotheke der verlängerten Werkbank

Die China-Abhängigkeit betrifft nicht allein Autos, Solarparks und Elektronik. Sie reicht bis in die Arzneimittelversorgung. Bei Antibiotika stieg der chinesische Anteil am deutschen Importgewicht von 65,3 Prozent 2023 auf 72,9 Prozent 2025. Beim Penicillin ist die Entwicklung drastischer: Der Anteil erhöhte sich binnen zwei Jahren von 56,9 auf 80,9 Prozent.

Der Importwert vermittelt dabei ein anderes Bild. Bei Antibiotika liegt Chinas wertmäßiger Anteil erheblich niedriger als der Mengenanteil. Das spricht dafür, dass große Mengen preisgünstiger Wirkstoffe aus China kommen, während höherpreisige Lieferungen stärker aus anderen Ländern stammen. Für die Versorgung zählt im Ernstfall die verfügbare Menge.

Das Problem setzt vor dem fertigen Medikament an. Dicyandiamid dient als Vorprodukt für den Wirkstoff Metformin zur Behandlung von Diabetes. Chinas Mengenanteil daran stieg von 80 Prozent 2023 auf 85,5 Prozent 2025. Bei Propyphenazon und Barbitursäure blieb China nach der Untersuchung der einzige Lieferant. Barbitursäure wird unter anderem für Narkosemittel benötigt.

Die Lieferkette eines Arzneimittels ist deshalb nur so belastbar wie ihr schwächstes Vorprodukt. Mehrere Anbieter für das fertige Präparat helfen wenig, wenn sie denselben Wirkstoff oder dieselbe chemische Ausgangssubstanz aus derselben Region beziehen.

Ähnlich sieht es bei Vitaminen und Provitaminen aus. Chinas Mengenanteil stieg von 71,3 Prozent 2023 auf 81,6 Prozent 2025. Vitamine spielen nicht allein in Nahrungsergänzungsmitteln eine Rolle. Sie werden für Futtermittel benötigt und reichen damit in Landwirtschaft und Tierhaltung hinein.

Selbst bei Produkten, deren strategische Bedeutung Deutschland während der Corona-Pandemie erfahren hat, nimmt die chinesische Position wieder zu. Bei Gesichtsmasken stieg der Mengenanteil von 71,5 auf 76,1 Prozent. Bei FFP-Masken erhöhte sich Chinas Anteil nach Stückzahl von 40,9 auf 46,5 Prozent. Bei Schutzbekleidung lag der Mengenanteil 2025 bei 77,4 Prozent. Die Lehre aus den leeren Regalen und fehlenden Schutzmitteln hat sich in der Handelsstatistik bislang nicht in eine breite Abkehr von chinesischen Bezugsquellen übersetzt.

Drei Metalle, ein Lieferproblem

Magnesium, Gallium und Germanium gehören zu den Rohstoffen, die die Europäische Union als strategisch einstuft. Sie werden für Zukunftstechnologien benötigt und weisen Versorgungsrisiken auf.

Bei Magnesium in Rohform und Pulver erreichte der chinesische Anteil am deutschen Importwert 2025 84,5 Prozent. 2023 waren es 79,1 Prozent. Magnesium spielt im Leichtbau der Automobil- und Luftfahrtindustrie eine wichtige Rolle. Eine Unterbrechung betrifft damit nicht irgendeinen Rohstoffmarkt, sondern industrielle Wertschöpfung mit hohen Anforderungen an Material und Qualität.

Bei Gallium stieg Chinas Mengenanteil von 28,9 Prozent 2023 auf 47,4 Prozent 2025. Beim Importwert lag der chinesische Anteil 2025 bei 63,6 Prozent. Gallium wird unter anderem für Prozessoren und Hochleistungssolarzellen benötigt.

Bei Germanium erreichte China 2025 einen Mengenanteil von 43,6 Prozent und einen Wertanteil von 70,1 Prozent. Germanium ist für die Halbleiterindustrie von Bedeutung. Dass der chinesische Wertanteil bei Gallium und Germanium über dem Mengenanteil liegt, wertet die Studie als Hinweis darauf, dass aus China höherwertige und schwerer ersetzbare Formen dieser Rohstoffe kommen.

Für Einkäufer macht das einen erheblichen Unterschied. Eine Tonne ist nicht beliebig gegen eine andere Tonne austauschbar. Reinheit, Verarbeitung, Spezifikation, Zertifizierung und Freigabe durch den Abnehmer entscheiden darüber, ob ein alternativer Lieferant tatsächlich Ersatz bietet. Ein neuer Name in der Lieferantenliste bedeutet noch keine resiliente Lieferkette.

Seltene Erden: weniger Tonnen, mehr Risiko

Bei Seltenen Erden scheint die Statistik auf den ersten Blick Entwarnung zu geben. Über die 14 vom Statistischen Bundesamt erfassten Warennummern sank Chinas Mengenanteil von 69,1 Prozent 2023 auf 55,4 Prozent 2025. Das sieht nach erfolgreichem De-Risking aus.

Der Importwert entwickelt sich in die andere Richtung. Chinas Anteil stieg von 21,3 auf 31,2 Prozent. Deutschland importiert relativ weniger Menge aus China, bezahlt dort aber einen größeren Anteil seines Importwertes. Die Studie sieht darin einen Hinweis darauf, dass China wichtige, höherwertige oder schwer ersetzbare Segmente liefert.

Besonders deutlich wird das bei Praseodym, Neodym und Samarium. Diese Seltenen Erden werden unter anderem für Elektromotoren benötigt. China blieb 2025 praktisch der einzige deutsche Lieferant. Die Importmenge dieser Warengruppe stieg von 3,1 Tonnen 2023 auf 13 Tonnen 2025. Weniger China sieht anders aus.

Das wirtschaftliche Kräfteverhältnis besitzt dabei eine bemerkenswerte Schieflage. Deutsche Unternehmen zahlten chinesischen Lieferanten für Seltene Erden laut Studie rund 24,2 Millionen Euro. Für China ist das kein gewaltiges Exportgeschäft. Für deutsche Hersteller können wenige Kilogramm eines benötigten Materials jedoch über die Produktion hochwertiger Erzeugnisse entscheiden.

Damit entsteht eine asymmetrische Abhängigkeit. Ein Lieferstopp würde China begrenzte Exporterlöse kosten. Deutschen Unternehmen könnten dagegen Vorprodukte für Maschinen, Fahrzeuge, Elektronik oder Elektromotoren fehlen. Der Warenwert des Rohstoffs sagt wenig über den möglichen Schaden seines Ausfalls aus. Ein billiges Teil kann eine teure Fertigungslinie zum Stillstand bringen.

De-Risking beginnt im Einkauf

Die Bundesregierung formulierte ihre China-Strategie 2023 mit dem Ziel, kritische Abhängigkeiten zu verringern. Genannt wurden Metalle und Seltene Erden, Lithiumbatterien, Photovoltaik sowie pharmazeutische Wirkstoffe einschließlich Antibiotika. Ausgerechnet in diesen Warengruppen weist die Studie drei Jahre später überwiegend keine Verringerung aus. Bei Batterien, Solarmodulen, Antibiotika, Vitaminen und mehreren strategischen Rohstoffen nahm Chinas Anteil zu.

Für Unternehmen genügt deshalb der Blick auf den unmittelbaren Lieferanten nicht. Ein deutscher oder europäischer Anbieter kann selbst von chinesischen Vorprodukten abhängig sein. Die Studie berücksichtigt solche indirekten Abhängigkeiten nicht. Sie misst direkte Importe Deutschlands aus China. Das ist methodisch sauber, bildet aber nur die sichtbare Spitze der Lieferkette ab.

Ein Lieferant aus Tschechien, Polen oder Italien diversifiziert den Einkauf nicht, wenn seine Batteriezellen, Magnete, Wirkstoffe oder Halbleitermaterialien aus China kommen. Entscheidend ist die Herkunft entlang der Wertschöpfungsstufen.

Daraus folgt eine klassische Aufgabe des Risikomanagements im Einkauf: kritische Materialien identifizieren, Bezugsquellen bis in vorgelagerte Stufen untersuchen, alternative Lieferanten qualifizieren, Substitutionsmöglichkeiten prüfen und Bestände nach Ausfallrisiko bemessen. Dual Sourcing entfaltet seinen Nutzen erst, wenn die beiden Lieferanten nicht am Ende von derselben Quelle abhängen.

Diversifizierung kostet. Zweitlieferanten können höhere Preise verlangen. Kleinere Mengen verschlechtern Konditionen. Zusätzliche Lagerbestände binden Kapital. Neue Werkstoffe benötigen Tests und Freigaben. Ein Lieferantenwechsel kann Entwicklungs- und Qualitätskosten verursachen. Diese Kosten stehen dem Schaden gegenüber, der entsteht, wenn ein strategisches Material fehlt.

Quellen

Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit: Wachsende Abhängigkeit trotz China-Strategie – Deutschland ist bei kritischen Gütern und Rohstoffen stärker von chinesischen Importen abhängig als 2023, Policy Paper, Frederic Spohr, Mai 2026.

Statistisches Bundesamt (Destatis): Außenhandelsdaten 2023–2025; Datengrundlage der Berechnungen zu deutschen Importen nach Menge, Gewicht und Wert.

Auswärtiges Amt: China-Strategie der Bundesregierung, 2023.

Europäische Union: Einordnung kritischer und strategischer Rohstoffe im Rahmen der europäischen Rohstoffpolitik.

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