Trump peilt 100 Prozent Zoll an
21.09.2026 (Red.-Schluss)
Washington verschärft den Zollpoker. US-Präsident Donald Trump darf gegen Käufer russischen Öls und Gases Zölle von bis zu 100 Prozent verhängen. Der Kongress hat Grünes Licht dafür gegeben. Kluge Einkäufer preisen Ursprung, Zollsatz und Präferenz vor der Vergabe ein – sonst kann es teuer werden.

Einkäufer als Gelackmeierter
Donald Trump bekommt sein Wunsch-Instrument beim Zoll. Der Kongress winkt jetzt ein weiteres Russland-Sanktionsgesetz durch. Es erlaubt dem US-Präsidenten seit 18. September, gegen die fünf größten Käufer von Öl und Gas aus Russland bis zu 100 Prozent Zoll zu verhängen. China und Indien gehören gemessen an den gegenwärtigen Handelsströmen zu den Hauptadressaten. Sie sind einem Bericht von CBS zufolge die größten Käufer russischen Rohöls. Senator Richard Blumenthal, einer der Urheber des Gesetzes, sagte bei der Beratung, das Gesetz sei so konstruiert, dass es China und Indien treffe. Das Gesetz erfasst daneben Staaten, die bei der Umgehung von Sanktionen eine maßgebliche Rolle spielen.
Für den Welthandel kommt damit eine weitere Zollvariable hinzu. Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus wechseln Drohungen, Aufschläge, Ausnahmen, Verhandlungen und Zollpausen in kurzer Folge. Im Zollstreit der USA mit China gilt eine befristete Vereinbarung, mit der beide Seiten einen Teil ihrer zuvor angedrohten Zollerhöhungen aussetzen. Für den 24. September ist ein Treffen Trumps mit Chinas Staatspräsident Xi Jinping in Washington geplant. Neben Energie und Seltene Erden stehen dabei Handel und Zölle auf der Agenda.
Manchmal ist weniger mehr
Der Gelackmeierte ist der Einkäufer, der seine Kalkulation auf einen Zollsatz baut, der bei der nächsten politischen Entscheidung anders aussieht. Der Gewinner ist der Einkäufer, der nicht nur den Stückpreis vergleicht, sondern Herkunft, Zoll und Präferenz in seine Lieferantenauswahl einpreist. Kostet zum Beispiel ein Bauteil bei Lieferant A 100 Euro, bei Lieferant B 102 Euro, ist nicht gesagt, dass A besser für den Einkäufer ist. Kommen auf A fünf Prozent Zoll und auf B aufgrund einer Präferenz null Prozent, dreht sich die Reihenfolge: A kostet 105 Euro, B 102 Euro. Bei 100.000 Stück stehen 300.000 Euro Differenz auf der Rechnung.
Das Rechenbeispiel ist schlicht, der Einkauf nicht. Fracht, Versicherung, Zahlungsbedingungen, Währungsrisiko, Mindestmenge, Lagerhaltung und Qualitätskosten kommen hinzu. Der Zoll gehört in diese Reihe. Ihn kann der Einkäufer nicht erst nach Bestellung an die Zollabteilung weiterreichen. Vom Zoll hängt mit ab, welcher Lieferant den günstigeren Einkauf ermöglicht. Ein neuer Zoll kann einen Lieferanten verteuern, ohne dass dieser seinen Preis um einen Cent erhöht. Eine Präferenz kann einen höheren Angebotspreis schlagen. Ein fehlender Ursprungsnachweis kann einen kalkulierten Vorteil wieder zunichte machen.
Bei Descartes rechnet KI
Auf diese Rechnung setzt Descartes Systems mit „Free Trade Intelligence“ (FTI). Diese KI-Lösung soll Hersteller, Importeure und Exporteure bei der Prüfung unterstützen, ob Waren für eine Zollpräferenz in Betracht kommen. Zielgruppe sind unter anderem Unternehmen, deren Enterprise-Resource-Planning-Systeme keine umfassenden Funktionen für das Global Trade Management enthalten.
Nach Angaben von Descartes verarbeitet FTI Stücklisten, Zolltarifklassifizierungen, Ursprungsregeln und Lieferantenerklärungen. Die Datenbank deckt nach Unternehmensangaben mehr als 250 Präferenzregelungen ab. Die Anwendung berechnet regionale Wertschöpfungsanteile, prüft Tarifwechsel und dokumentiert die Entscheidungsgrundlagen.
Descartes rechnet für den Einkäufer durch, wie sich unterschiedliche Lieferanten, Ursprungsländer und Zollpräferenzen auf die Beschaffungskosten auswirken. So lässt sich beispielsweise durchrechnen, was sich ändert, wenn ein Bauteil nicht aus China, sondern aus Vietnam kommt, ein Lieferant ein Vormaterial aus einem anderen Land bezieht, zum Bezugspreis ein Zoll hinzukommt oder für eine Bezugsquelle eine Präferenz greift.
Ursprung hat einen Preis
Das Versandland beantwortet diese Fragen nicht. Eine Ware aus einem chinesischen Hafen kann Vormaterialien aus mehreren Staaten enthalten. Ein Produkt, das in der Türkei montiert wird, erhält nicht allein durch die Montage den präferenziellen Ursprung Türkei. Maßgeblich sind die Ursprungsregeln der jeweiligen Präferenzregelung.
Der deutsche Zoll unterscheidet den nichtpräferenziellen vom präferenziellen Ursprung. Der nichtpräferenzielle Ursprung spielt unter anderem beim Gemeinsamen Zolltarif und bei handelspolitischen Maßnahmen eine Rolle. Der präferenzielle Ursprung entscheidet darüber, ob für eine Ware im Rahmen einer Präferenzregelung ein ermäßigter Zollsatz oder Zollfreiheit beansprucht werden kann.
Dafür reicht die Angabe „Made in“ nicht. Je nach Abkommen zählen Verarbeitungsschritte, Wertgrenzen, verwendete Vormaterialien und Tarifwechsel. Bei einem Erzeugnis mit einer langen Stückliste kann der Austausch einer einzigen Komponente die Rechnung verändern. Spart der Einkauf beim Vormaterial zwei Euro und verliert das Endprodukt dadurch seine Präferenz, wird aus dem vermeintlichen Einkaufserfolg ein Minusgeschäft.
Lieferantenerklärung bedeutet bares Geld
Die Lieferantenerklärung ist nicht nur Sache von Zoll, Versand oder Außenhandel. Sie ist zentral dafür, dass ein kalkulierter Zollvorteil in der Kasse ankommt. Fehlt der erforderliche Nachweis, lässt sich eine Präferenz nicht aus einer günstigen Herkunftsannahme ableiten. Der Einkäufer braucht vom Lieferanten mehr als Preis, Lieferzeit und Qualitätszusage. Herkunftsdaten werden Teil der Beschaffungsdaten.
Das verändert die Lieferantenbewertung, je nachdem, ob der Lieferant die Herkunft seiner Vormaterialien belegen kann, seine Erklärungen vollständig sind, er Änderungen in seiner Lieferkette meldet und ob er auf Rückfragen reagiert, bevor eine Sendung beim Zoll steht. Ein Lieferant mit einem etwas höheren Stückpreis kann unter dem Strich die bessere Rechnung liefern, wenn seine Ursprungsdaten einen Zollvorteil absichern.
Excel nicht exzellent
Bei wenigen Artikeln lässt sich die Prüfung in Tabellenprogramme wie „Excel“ organisieren. Bei Hunderten von Stücklistenpositionen kommt Tabellenkalkulation an ihre Grenzen. Die Aufgaben nehmen überhand: Lieferantenwechsel, Herkunftsbestimmung von Vormaterialien, Auswirkungen der Preise auf Wertanteile, Prüfung von Zolltarifnummern, Auslaufen von Lieferantenerklärungen, Veränderungen bei den Handelsregeln.
Descartes setzt hier auf Analyse durch KI mit entsprechender Regellogik. Das System soll Daten aus Stücklisten mit Zolltarifklassifizierungen und Ursprungsregeln verbinden. Der Einkäufer erhält damit nicht nur die Antwort, ob eine Konstellation einen Präferenzvorteil verspricht. Er kann Alternativen gegeneinander stellen. Aus der rückwärts gerichteten Frage, ob eine gelieferte Ware die Voraussetzungen erfüllt, wird eine vorwärts gerichtete Einkaufsfrage: Bei welcher Lieferanten- und Materialkombination bleibt nach dem Zoll der niedrigste Beschaffungspreis?
Trump bringt Bewegung in die Rechnung
Der neue US-Sanktionsrahmen zeigt, warum diese Rechnung nicht statisch bleibt. Die mögliche Belastung von bis zu 100 Prozent richtet sich nicht nach der Preisentscheidung eines Lieferanten. Wird der Zoll erhoben, kann er Warenströme zwischen Staaten verschieben. Indien steht dabei unter besonderem Druck. Das Land kauft große Mengen russischen Rohöls und verkauft Waren in erheblichem Umfang in die USA. Ein hoher US-Zoll auf indische Waren trifft indische Exporteure und zwingt Einkäufer in den USA, Bezugsquellen neu zu rechnen. Lieferanten in anderen Staaten rücken im Preisvergleich nach vorn, ohne ihren eigenen Preis zu senken.
China steht vor derselben Grundrechnung. Zugleich verhandeln Washington und Peking über Handel, Energie und Zölle. Ein Zoll wird damit nicht nur erhoben. Er wird Verhandlungsmasse. Für den Einkäufer bleibt er trotzdem eine Zahl in seiner Kalkulation.
KI ist kein Ratespiel
Eine KI-Lösung löst das Problem nur dann, wenn die Daten stimmen. Eine falsche Zolltarifnummer, ein falsches Ursprungsland oder eine abgelaufene Lieferantenerklärung führt zu einer falschen Rechnung. Aus einer schnellen Berechnung wird sonst nur ein schneller Fehler. Bei FTI zählt nicht allein die KI. Descartes hebt eine nachvollziehbare Präferenzlogik hervor. Berechnungen, Tarifwechsel und Entscheidungsgrundlagen sollen dokumentiert werden. Das ist für den Einkauf von Bedeutung, wenn der kalkulierte Vorteil später einer Zollprüfung standhalten soll.
Der Einkauf hat jahrzehntelang um Prozentpunkte beim Stückpreis gerungen. Im internationalen Geschäft kann ein Zollsatz diese Verhandlung mit einem Federstrich überholen. Fünf Prozent Zoll schlagen eine Preisreduzierung von zwei Prozent. Bei 100 Prozent braucht der Einkäufer über den alten Preisvergleich nicht mehr lange zu reden. Das macht den Angebotspreis nicht bedeutungslos. Es nimmt ihm nur die Alleinherrschaft. Wer weltweit einkauft, braucht den Preis bis zum Werkstor oder Lager: Ware, Transport, Abgaben und Zoll, ganz zu schweigen von einer möglichen Vermeidung dieser Belastung durch ein Präferenzabkommen.
Gewinner ist nicht zwangsläufig der Lieferant mit dem niedrigsten Preis. Gewinnen kann der Lieferant, dessen Ware unter den geltenden Ursprungsregeln günstiger ins Land kommt. Und gewinnen kann der Einkäufer, der diesen Unterschied vor der Bestellung erkennt.
Zollprüfung vor Vergabe
Descartes FTI ist damit weniger interessant als KI-Neuheit denn als Zeichen für eine Verschiebung im Einkauf. Zollprüfung rückt nach vorn. Sie beginnt nicht erst, wenn die Ware unterwegs ist und die Zollanmeldung ansteht. Sie gehört in die Auswahl der Bezugsquelle. Das gilt erst recht in einem Handelsumfeld, in dem Regierungen Zölle als Druckmittel einsetzen. Trumps neue Befugnis für Aufschläge bis 100 Prozent liefert dafür einen Beleg. Eine Lieferantenentscheidung kann wirtschaftlich richtig sein und durch einen neuen Zoll falsch werden. Auf Washington hat der Einkäufer keinen Einfluss. In seiner eigenen Rechnung hält er für jedes Szenario Alternativen bereit.
Quellen
Reuters, 18.09.2026: Russia sanctions bill gives Trump sweeping new tariff powers – https://www.reuters.com/world/us/russia-sanctions-bill-gives-trump-sweeping-new-tariff-powers-2026-09-18/
Reuters, 21.09.2026: How Trump and Xi went from tariff war to trade truce – https://www.reuters.com/business/aerospace-defense/how-trump-xi-went-tariff-war-trade-truce-2026-09-21/
Reuters, 18.09.2026: US, China discuss cutting tariffs on US LNG ahead of Xi visit – https://www.reuters.com/business/energy/us-china-discuss-cutting-tariffs-us-lng-ahead-xi-visit-2026-09-18/
Descartes Systems Group, 04.08.2026: Descartes Introduces New AI-Powered Free Trade Intelligence (FTI) Solution to Help Reduce Trade Costs – https://www.descartes.com/resources/news/descartes-introduces-new-ai-powered-free-trade-intelligence-fti-solution-help-reduce
Generalzolldirektion: Warenursprung und Präferenzen online – https://wup.zoll.de/wup_online/
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