Immer mehr Insolvenzen
07.06.2026 (Red.-Schluss)
Immer mehr Insolvenzen, zu wenig Firmengründungen, Ausgleich Fehlanzeige. Unternehmen leiden unter einem schleichenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit über alle Branchen hinweg. Der Kern des deutschen Mittelstands steht zur Disposition – Ende offen.

Deutschland in schwerer Wirtschaftskrise
Die Tinte unter dem Koalitionsvertrag von Union und SPD war 2025 noch nicht trocken, als über 100 Wirtschaftsverbände ihn in einem Brandbrief an die Parteien regelrecht verrissen. Ihre Botschaft: Die Lage ist mehr als ernst. Deutschland verliert im internationalen Wettbewerb. Die Probleme seien hausgemacht.
Kritik von der Industrie
Flankenschutz gibt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) mit ungewohnt harscher Kritik. Der Koalitionsvertrag bleibe bei den wesentlichen Entlastungen für Unternehmen hinter Erwartungen und Notwendigstem zurück. Die Forderungen des Verbandes: Steuern runter! Genehmigungstempo hoch! Staat handlungsfähiger machen!
Die Unternehmen treiben tiefgreifende Sorgen um. Wie groß ist die Insolvenzwelle? Wo liegen die Ursachen? Welche Rolle spielt die Politik? Können Firmengründungen gegensteuern? Und was bedeutet die Lage für Betriebsräte und Arbeitnehmervertreter?
Tatsachen lügen nicht
Die Tatsachen sind unerbittlich: 21.812 Unternehmen meldeten 2024 laut Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) Insolvenz an – rund 4.000 mehr als im Vorjahr. 2023 hatte die Zahl bereits um mehr als ein Fünftel zugelegt.
Das IfM sieht die Ursachen gleich in einer Vielzahl von Krisen. Viele betroffene Unternehmen bestanden drei bis acht Jahre. Die Zahl der Insolvenzen stieg auf sieben Fälle je 1.000 Bestandsunternehmen. Hinzu kamen mehr als 23.000 ehemalige Selbstständige mit Schulden aus früheren Tätigkeiten.
Trotz Anstieg ist Insolvenz nur die Ausnahme. Laut IfM stellten 2024 rund 270.000 gewerbliche Unternehmen ihren Betrieb aus anderen Gründen ein, ohne insolvent zu sein. Insolvenzen markieren den Endpunkt einer Entwicklung. Auftragsrückgänge, steigende Kosten, teure Kredite und der industrielle Umbau bringen Unternehmen an den Rand der Verzweiflung. Reichen die Reserven nicht mehr aus, droht die Insolvenz.
Insolvenzwelle rollt
Die Insolvenzwelle erfasst die Wirtschaft nicht gleichmäßig. Besonders hart trifft es das Baugewerbe. Dort kamen 2024 zehn Insolvenzen auf 1.000 Unternehmen. Nicht weniger stark betroffen sind Handel, freiberufliche Dienstleistungen, technische Dienstleistungen und wissenschaftliche Dienstleistungen.
Noch schlechter fällt die Bilanz im Verkehrs- und Logistikbereich aus. Dort entfielen 14 Insolvenzen auf 1.000 Unternehmen. Die Branche leidet unter hohen Kosten, schwacher Nachfrage und starkem Wettbewerb.
Die Entwicklung greift inzwischen auf weitere Bereiche über. Gesundheitswesen, Sozialwesen, Grundstücks- und Wohnungswirtschaft sowie Information und Kommunikation verzeichneten 2024 mehr Insolvenzanträge als vor fünf Jahren. Die Krise wandert durch die Wirtschaft.
Lange galten Insolvenzen als Problem kleiner Betriebe. Das war einmal. 2024 gerieten mehr mittelgroße Unternehmen in Zahlungsschwierigkeiten als im Jahr zuvor. Mehr als 40 Prozent der insolventen Unternehmen erzielten Jahresumsätze zwischen 500.000 und fünf Millionen Euro. Rund jedes zehnte insolvente Unternehmen setzte mehr als fünf Millionen Euro um.
Zudem schützt die Rechtsform nicht mehr. Die Zahl der Insolvenzanträge stieg bei GmbHs um 25 Prozent. Bei GmbH & Co. KGs schnellte sie sogar um 49 Prozent nach oben. Die Insolvenz erreicht damit einen Kernbereich des deutschen Mittelstands.
Insolvenzen lediglich Teil der Entwicklung
Die Zahl der Insolvenzen beschreibt die wirtschaftliche Lage nur unvollständig. Nach Berechnungen des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn wurden 2024 insgesamt rund 270.000 gewerbliche Unternehmen aufgegeben, ohne ein Insolvenzverfahren zu durchlaufen. Hinzu kamen schätzungsweise 90.000 aufgegebene freiberufliche Tätigkeiten. Die meisten Unternehmen beenden ihre Geschäftstätigkeit somit aus anderen Gründen als einer gerichtlichen Insolvenz.
Würden alle Insolvenzen zwangsläufig zur endgültigen Schließung eines Unternehmens führen, entfielen lediglich rund sechs Prozent aller Unternehmensaufgaben auf ein Insolvenzverfahren. Selbst wenn die Insolvenzen ehemals Selbstständiger einbezogen werden, bleibt der Anteil vergleichsweise gering. Insolvenzen bilden deshalb nur die Spitze einer wesentlich breiteren Entwicklung ab.
Viele Unternehmen verlassen den Markt geordnet. Inhaber erreichen das Rentenalter, Nachfolger fehlen oder Geschäftsmodelle erweisen sich langfristig als nicht mehr tragfähig. Andere Betriebe geben angesichts dauerhaft hoher Kosten, rückläufiger Nachfrage oder fehlender Finanzierungsmöglichkeiten freiwillig auf, bevor eine Zahlungsunfähigkeit eintritt. Die Zahl der Unternehmensaufgaben liefert deshalb ebenso wichtige Hinweise auf die wirtschaftliche Entwicklung wie die Insolvenzstatistik selbst.
Gerade diese Kombination aus steigenden Insolvenzen und anhaltend hoher Zahl von Unternehmensaufgaben erklärt die Sorge vieler Wirtschaftsverbände. Sie sehen darin weniger eine kurzfristige Konjunkturschwäche als vielmehr Anzeichen eines strukturellen Wandels, der inzwischen weite Teile der deutschen Wirtschaft erfasst.
Nicht jede Insolvenz das Aus
Viele Menschen setzen Insolvenz mit dem Ende eines Unternehmens gleich. Das trifft nicht immer zu. Das Insolvenzrecht verfolgt nicht nur das Ziel, Vermögen zu verteilen. Es soll Unternehmen auch eine Sanierung ermöglichen.
Dafür stehen verschiedene Instrumente zur Verfügung. Besonders an Bedeutung gewinnt die Eigenverwaltung. Sie erlaubt es Unternehmen, unter gerichtlicher Aufsicht selbst an ihrer Sanierung mitzuwirken.
2024 nutzten 470 Unternehmen diesen Weg. Das ist der höchste Wert seit Einführung des Verfahrens vor 25 Jahren. Vor allem größere Kapitalgesellschaften greifen darauf zurück. Einzelunternehmen bleiben die Ausnahme.
Die Gründungslücke bleibt
Die Insolvenzzahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Wichtiger ist der Blick auf die Unternehmensgründungen. Das IfM registriert 2024 rund 258.000 gewerbliche Existenzgründungen. Das Niveau nähert sich damit wieder dem Jahr 2019 an. Was die Sorgen der Wirtschaftsverbände freilich nicht zerstreuen dürfte.
Handel, Baugewerbe, verarbeitendes Gewerbe: in allen schlossen sich mehr Unternehmen als neu entstanden. Wissenschaftliche, technische und freiberufliche Dienstleistungen entwickelten sich günstiger. Dort wuchs der Unternehmensbestand weiter.
Lange konzentrierte sich die öffentliche Aufmerksamkeit auf Industrie und Bauwirtschaft. Die Zahlen zeigen ein breiteres Bild. Die Insolvenzwelle greift auf immer mehr Wirtschaftszweige über. Gesundheitswesen, Sozialwesen, Wohnungswirtschaft sowie Informations- und Kommunikationsdienstleistungen verzeichneten mehr Insolvenzanträge als noch vor wenigen Jahren. Die wirtschaftlichen Belastungen beschränken sich nicht mehr auf einzelne Branchen.
Sanierung statt Schließung
Insolvenz bedeutet nicht zwangsläufig das Ende eines Unternehmens. Das moderne Insolvenzrecht verfolgt zwei Ziele. Es soll die Ansprüche der Gläubiger ordnen. Es soll zugleich wirtschaftlich lebensfähigen Unternehmen einen Neuanfang ermöglichen.
Deshalb gewinnt die Eigenverwaltung an Bedeutung. 470 Unternehmen nutzten diesen Weg 2024. Das ist ein Höchststand seit Einführung des Verfahrens vor 25 Jahren. Vor allem größere Kapitalgesellschaften setzen auf dieses Instrument.
Insolvenzen entstehen selten über Nacht. Meist gehen ihnen Jahre wirtschaftlicher Belastungen voraus. Aufträge fehlen. Kosten steigen. Kredite verteuern sich. Reserven schwinden. Irgendwann reicht die Substanz nicht mehr aus.
Die Zahl der Insolvenzen allein beschreibt deshalb nicht die wirtschaftliche Lage eines Landes. Sie zeigt vielmehr, wie viele Unternehmen den Belastungen nicht mehr standhalten konnten. Die Entwicklung der vergangenen Jahre deutet darauf hin, dass sich der wirtschaftliche Druck in Deutschland weiter aufgebaut hat.
Zwischen Aufbruch und Rückzug
So entsteht ein widersprüchliches Bild. Einerseits entstehen wieder mehr Unternehmen. Andererseits steigt die Zahl der Insolvenzen. Einerseits gelingt vielen Betrieben die Sanierung. Andererseits verschwinden jedes Jahr Hunderttausende Unternehmen vom Markt.
Zumal dieser Gegensatz macht die derzeitige Entwicklung so bemerkenswert. Die deutsche Wirtschaft befindet sich nicht in einem einheitlichen Aufschwung und auch nicht in einem flächendeckenden Niedergang. Manche Branchen wachsen. Andere verlieren an Boden. Manche Unternehmen investieren. Andere geben auf.
Die Insolvenzwelle ist deshalb mehr als eine Statistik. Sie ist Ausdruck eines wirtschaftlichen Umbruchs, dessen Folgen weit über die betroffenen Unternehmen hinausreichen.
Insolvenz – mehr als eine Pleite
Früher sprach man von Pleite oder vom Pleitegehen. Heute verwendet das Gesetz den Begriff Insolvenz. Dahinter verbirgt sich ein geregeltes Verfahren. Es soll die Interessen der Gläubiger bündeln und eine geordnete Lösung schaffen.
Ein Insolvenzverfahren beginnt nicht automatisch. Es setzt einen Antrag voraus. Diesen Antrag kann der Schuldner selbst stellen. Er kann aber auch von einem Gläubiger ausgehen.
Drei Gründe eröffnen den Weg in die Insolvenz: Zahlungsunfähigkeit, drohende Zahlungsunfähigkeit und Überschuldung.
Wenn das Geld nicht mehr reicht
Der häufigste Fall ist die Zahlungsunfähigkeit. Das Unternehmen kann fällige Rechnungen nicht mehr bezahlen. Löhne, Lieferantenrechnungen oder Kreditraten bleiben offen. Die Liquidität versiegt.
Daneben kennt das Gesetz die drohende Zahlungsunfähigkeit. Das Unternehmen kann seine Verpflichtungen heute noch erfüllen. Es zeichnet sich aber ab, dass dies in naher Zukunft nicht mehr gelingt. Das Insolvenzrecht eröffnet damit die Chance, früher gegenzusteuern.
Eine besondere Rolle spielt die Überschuldung. Sie betrifft vor allem Kapitalgesellschaften wie die GmbH. Hier reichen Vermögen und Erträge nicht mehr aus, um die bestehenden Verbindlichkeiten zu decken.
Für Arbeitnehmer beginnt die Krise meist lange vor dem Insolvenzantrag. Aufträge bleiben aus. Investitionen werden verschoben. Überstunden verschwinden. Sparprogramme greifen um sich. Die Unsicherheit wächst.
Mit dem Insolvenzantrag tritt häufig ein vorläufiger Insolvenzverwalter auf den Plan. Er sichert das Vermögen des Unternehmens und prüft die wirtschaftliche Lage. In vielen Fällen läuft der Betrieb zunächst weiter. Insolvenz bedeutet deshalb nicht automatisch Stillstand. Sie kann das Ende eines Unternehmens markieren. Sie kann aber auch den Beginn einer Sanierung darstellen. Für Betriebsräte kommt es darauf an, die Entwicklung früh zu erkennen. Je früher sie handeln, desto größer bleiben die Chancen für Beschäftigung und Standort.
