Die Krise der deutschen Wirtschaft verändert den Arbeitsmarkt tiefgreifend. Lange Zeit galt Fachkräftemangel als dominierendes Problem. Nun verschiebt sich die Lage spürbar: Beschäftigungssicherung, Investitionsschwäche und industrielle Wettbewerbsfähigkeit rücken in den Mittelpunkt.
Palast der Wirtschaftszahlen: IW-Gebäude in Köln am Rhein (Foto: IW)
IW: Stimmung schlecht
Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft bleibt schlecht. Der Saldo aus positiven und negativen Lagebewertungen lag nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im Frühjahr 2025 bei minus 22 Prozentpunkten. Bereits seit Herbst 2023 überwiegen pessimistische Einschätzungen. Besonders Industrie und Bauwirtschaft stehen unter Druck. Viele Unternehmen berichten von rückläufigen Geschäften, schwachen Auftragseingängen und unsicheren Perspektiven.
Dabei zeigt sich ein nicht unwichtiger Widerspruch. Die aktuelle Lage wird von vielen Betrieben schlecht bewertet, zugleich hoffen etliche Unternehmen weiterhin auf eine Verbesserung im Verlauf des Jahres 2025. Das erinnert an eine wirtschaftliche Stimmung nach der Devise „hoffnungslos, aber nicht ernst“. Tatsächlich bleibt die Investitionsbereitschaft jedoch schwach. 35 % der befragten Unternehmen wollen 2025 weniger investieren als im Vorjahr. Als Hauptgründe nennen die Unternehmen hohe Energiekosten, übermäßige Regulierung, unsichere politische Rahmenbedingungen und schwache Nachfrage.
Besonders problematisch bleibt die Lage in der Industrie. Dort bewerten fast die Hälfte der Unternehmen ihre Geschäftssituation schlechter als vor einem Jahr. Vor allem Hersteller von Investitionsgütern zeigen sich pessimistisch. Hinzu kommen strukturelle Belastungen durch hohe Energiepreise, steigende Arbeitskosten und wachsenden Konkurrenzdruck aus China. Gleichzeitig verschlechtern internationale Handelskonflikte das Exportklima zusätzlich. Bereits die Diskussion über neue Zölle der USA belastet exportorientierte Unternehmen.
Die Investitionskrise trifft mittlerweile Zukunftsbereiche. Laut IG Metall sehen viele Betriebsräte zu geringe Investitionen in Digitalisierung und klimaneutrale Produktion. Eine Befragung unter Betriebsräten aus den Branchen der IG Metall zeigt, dass viele Unternehmen in Deutschland zu wenig investieren. Weniger als ein Drittel (30 Prozent) der befragten Betriebsräte sieht ausreichend Investitionen in den Betrieben, um die anstehenden Herausforderungen von Digitalisierung und klimaneutraler Produktion zu bewältigen. Besonders auffällig zeigt sich hier der Automobilbereich: Hier sieht nur ein Fünftel der Betriebsräte (20 Prozent) ausreichend Investitionen getätigt oder geplant.
Besonders kritisch fällt die Einschätzung in der Automobilindustrie aus. Dort hält nur ein Fünftel der befragten Arbeitnehmervertretungen die geplanten oder bereits getätigten Investitionen für ausreichend. Vielen Unternehmen fehlt offenkundig nicht nur Kapital, sondern zunehmend auch Planungssicherheit.
Als Hauptgründe für zu wenige Investitionen nannten die betroffenen Betriebe vor Abschluss des Koalitionsvertrages unklare politische Rahmenbedingungen, zu wenig Nachfrage und zu hohe Energiepreise. Im vorgestellten Koalitionsvertrag sind eine deutliche Senkung der Energiekosten für Unternehmen, Förderung der Elektromobilität und Voraussetzungen für umfassende Investitionen als Vorhaben beschrieben. Auch das beschlossene Sondervermögen für Infrastruktur soll die Situation für Gesellschaft und Wirtschaft verbessern.
Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall: Besonders problematisch bleibt die Lage in der Industrie. Dort bewerten fast die Hälfte der Unternehmen ihre Geschäftssituation schlechter als vor einem Jahr. Vor allem Hersteller von Investitionsgütern zeigen sich pessimistisch. Hinzu kommen strukturelle Belastungen durch hohe Energiepreise, steigende Arbeitskosten und wachsenden Konkurrenzdruck aus China. Gleichzeitig verschlechtern internationale Handelskonflikte das Exportklima zusätzlich. Bereits die Diskussion über neue Zölle der USA belastet exportorientierte Unternehmen.
Die Investitionskrise trifft mittlerweile Zukunftsbereiche. Laut IG Metall sehen viele Betriebsräte zu geringe Investitionen in Digitalisierung und klimaneutrale Produktion. Eine Befragung unter Betriebsräten aus den Branchen der IG Metall zeigt, dass viele Unternehmen in Deutschland zu wenig investieren. Weniger als ein Drittel (30 Prozent) der befragten Betriebsräte sieht ausreichend Investitionen in den Betrieben, um die anstehenden Herausforderungen von Digitalisierung und klimaneutraler Produktion zu bewältigen. Besonders auffällig zeigt sich hier der Automobilbereich: Hier sieht nur ein Fünftel der Betriebsräte (20 Prozent) ausreichend Investitionen getätigt oder geplant.
Besonders kritisch fällt die Einschätzung in der Automobilindustrie aus. Dort hält nur ein Fünftel der befragten Arbeitnehmervertretungen die geplanten oder bereits getätigten Investitionen für ausreichend. Vielen Unternehmen fehlt offenkundig nicht nur Kapital, sondern zunehmend auch Planungssicherheit.
Als Hauptgründe für zu wenige Investitionen nannten die betroffenen Betriebe vor Abschluss des Koalitionsvertrages unklare politische Rahmenbedingungen, zu wenig Nachfrage und zu hohe Energiepreise. Im vorgestellten Koalitionsvertrag sind eine deutliche Senkung der Energiekosten für Unternehmen, Förderung der Elektromobilität und Voraussetzungen für umfassende Investitionen als Vorhaben beschrieben. Auch das beschlossene Sondervermögen für Infrastruktur soll die Situation für Gesellschaft und Wirtschaft verbessern.
Benner: „Die Beschäftigten haben sich mit uns immer deutlich für gute Voraussetzungen für die Industrie und damit ihre Arbeitsplätze eingesetzt. Jetzt, wo diese an vielen Stellen im Koalitionsvertrag beschrieben sind, haben die Unternehmen eine Planungsgrundlage und sollten ins Handeln kommen! Wir werden auf schnelle Umsetzung dieser Punkte drängen.“
Wir werden auf schnelle Umsetzung drängen.“
Christiane Benner, Erste Vorsitzende der IG Metall
Unternehmen müssen laut Benner Verantwortung für zukunftsfeste Geschäftsmodelle, Investitionen und Perspektiven für die Beschäftigten übernehmen: „Wir sehen den Ernst der Lage. Aber wir sehen auch, dass in zahlreichen Unternehmen Zukunftsstrategien fehlen und notwendige Investitionen nicht getätigt werden. Nur nach weniger Bürokratie und niedrigeren Arbeitskosten zu rufen, ist weder eine Strategie noch eine Lösung.”
Frappierend ist der Zusammenhang zwischen Investitionsverweigerung und fehlender Zukunftsstrategie. In Unternehmen mit einer Zukunftsstrategie sehen 36 Prozent der Betriebsräte mangelnde Investitionen. Dagegen ist die Investitions-Verweigerung von Unternehmen ohne eine Strategie mit 70 Prozent fast doppelt so hoch. „Das ist ein logischer Zusammenhang, aber umso dramatischer, was die Zukunft der Unternehmen anbelangt,“ so Benner.
Investitionsschwäche bremst Wandel
Nur sechs Prozent der Betriebsräte in Betrieben, die von Anpassungsdruck auf ihr Geschäftsfeld betroffen sind, werden von den Unternehmen an der Strategieentwicklung beteiligt. Nur teilweise beteiligt werden weitere 31 Prozent der Betriebsräte.
Die IG Metall sieht als einen Hauptfaktor für einen gelingenden wirtschaftlichen Wandel die Einbeziehung von Betriebsräten in die Strategiefindung. „Betriebsräte kennen ihr Unternehmen meist besser als es das Management tut. Ihre Kenntnisse, ihr Wissen, ihre oft langjährige Erfahrung sollten öfter zum Einsatz kommen, wenn es um die Strategien geht. Über Betriebsräte können auch Beschäftigte besser beteiligt werden, wenn es um die Zukunft ihrer Arbeitsplätze geht. Da, wo das stattfindet, führt es zu positivem Erleben von Demokratie. Deshalb müssen sie als Expertinnen und Experten ihrer Arbeit beteiligt werden“, fordert Gewerkschaftschefin Benner nachdrücklich.
Während die Industrie schwächelt, gelingt es dem Dienstleistungssektor nur noch begrenzt, die Verluste anderer Wirtschaftsbereiche auszugleichen. Die Bauwirtschaft leidet weiter unter hohen Materialkosten, teurer Finanzierung und komplizierten Regulierungen. Besonders der Wohnungsbau bleibt schwach. Die Krise schlägt inzwischen sichtbar auf die Beschäftigung durch. Im Bauhauptgewerbe ging die Zahl der Beschäftigten 2024 erstmals seit vielen Jahren zurück.
Hinzu kommt eine allgemeine Verunsicherung der Verbraucher. Zwar hat sich die Inflation normalisiert. Die Realeinkommen steigen wieder leicht. Dennoch bleibt der private Konsum verhalten. Viele Haushalte sorgen sich um ihre wirtschaftliche Zukunft und reagieren vorsichtig bei größeren Ausgaben. Die Unsicherheit über Arbeitsplätze und Einkommen belastet inzwischen auch konsumnahe Dienstleistungen.
Auswirkungen auf Arbeitsmarkt
Die Entwicklung trifft die Branchen unterschiedlich stark. Besonders problematisch bleibt die Lage in klassischen Industriebranchen. Im Maschinenbau sank die Beschäftigung seit dem Höchststand 2018 deutlich. Auch die Automobilindustrie und die Metallverarbeitung verzeichnen Rückgänge. Obendrein wachsen einzelne Bereiche wie die Herstellung von Datenverarbeitungsgeräten oder die Nahrungsmittelindustrie weiter. Die Krise trifft die Wirtschaft damit keineswegs gleichmäßig. Vielmehr verschieben sich industrielle Gewichte und Beschäftigungsstrukturen.
Deutlich sichtbar wird der Wandel beim Stellenabbau großer Unternehmen. Zahlreiche Konzerne haben massive Kürzungsprogramme angekündigt. Bei Mercedes-Benz stehen bis 2028 rund 100.000 Stellen zur Disposition, bei Volkswagen 35.000 bis 2030. Auch ZF Friedrichshafen, Siemens, ThyssenKrupp, SAP, Deutsche Post DHL, Audi, Continental, Bosch oder Bayer planen den Abbau tausender Arbeitsplätze. Insgesamt stehen derzeit fast eine Viertelmillion Stellen auf den Streichlisten großer Unternehmen.
Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BDI: „Das Aktionsprogramm ist zu unambitioniert und setzt kaum neue wirtschaftspolitische Impulse. Zwar schafft die Bundesregierung Klarheit bei einzelnen Vorhaben, etwa bei der Digitalisierung zirkulärer Wertschöpfung. Jedoch braucht es für die industrielle Skalierung zirkulärer Geschäftsmodelle deutlich mehr Tempo und Verlässlichkeit. Das Potenzial, über das Sondervermögen Impulse für die Kreislaufwirtschaft zu setzen, wird nicht ausreichend genutzt.“
Entscheidend sei, die Kreislaufwirtschaft als industriepolitisches Projekt zu verankern. Dafür benötigt die Industrie bessere Investitionsbedingungen, eine stärkere Förderung von Innovationen und den zügigen Aufbau funktionierender Märkte für zirkuläre Rohstoffe.
Das Potenzial hält Lösch für erheblich. Kreislaufwirtschaft kann Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und Rohstoffsouveränität stärken. Die zirkuläre Bruttowertschöpfung in Deutschland könnte sich laut einer Studie von BDI und BCG von jährlich 60 Milliarden Euro auf bis zu 125 Milliarden Euro im Jahr 2045 mehr als verdoppeln. „Das wird nur gelingen, wenn Zirkularität ein tragfähiges Geschäftsmodell für die Breite der Industrie wird“, so Lösch.
Sondervermögen nicht ausreichend für Kreislaufwirtschaft genutzt.“
Holger Lösch, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des BDI
Dabei verändert sich die Art des Stellenabbaus. Unternehmen reagieren nicht mehr nur mit Einstellungsstopps oder dem Auslaufen befristeter Verträge. Vielmehr werden Strukturen umfassend umgebaut, Standorte überprüft, Produktionen verlagert und ganze Geschäftsbereiche neu organisiert. Besonders betroffen sind energieintensive Industrien, exportabhängige Unternehmen und Bereiche mit hohem internationalen Wettbewerbsdruck.
Die Entwicklung zeigt zugleich ein strukturelles Problem des Standorts Deutschland. Hohe Energiepreise, steigende Arbeitskosten, langwierige Genehmigungsverfahren und komplexe Regulierungen belasten Unternehmen seit Jahren. Hinzu kommen geopolitische Unsicherheiten, schwache internationale Nachfrage und zunehmender Konkurrenzdruck aus Asien. Viele Unternehmen stehen deshalb unter erheblichem Anpassungsdruck.
Zwar hoffen Politik und Wirtschaft auf neue Wachstumsimpulse durch Infrastrukturinvestitionen, niedrigere Energiekosten und Investitionsprogramme. Ob dies ausreicht, bleibt offen. Die gegenwärtige Krise ist längst mehr als eine normale Konjunkturschwäche. Sie betrifft zentrale Bereiche des industriellen Geschäftsmodells Deutschlands.
Die Entwicklung am Arbeitsmarkt bleibt deshalb widersprüchlich. Einerseits fehlen weiterhin Fachkräfte. Andererseits reagieren Unternehmen mit Sparprogrammen, Produktionsverlagerungen und Stellenabbau auf die schwache Konjunktur. Der Arbeitsmarkt bewegt sich damit in eine neue Phase. Nicht mehr Wachstumserwartungen prägen viele Entscheidungen, sondern Vorsicht, Kostendisziplin und Restrukturierung.
Ob sich daraus eine vorübergehende Schwächephase oder eine tiefere Strukturkrise entwickelt, dürfte wesentlich davon abhängen, ob Deutschland seine Investitionsschwäche, die hohen Standortkosten und den Verlust an Wettbewerbsfähigkeit überwinden können wird. Die kommenden Jahre dürften darüber entscheiden, ob sich der industrielle Kern der deutschen Wirtschaft stabilisiert oder ob sich der gegenwärtige Stellenabbau langfristig zu einer breiteren Deindustrialisierung auswächst.
Quellen
Institut der deutschen Wirtschaft (IW) IG Metall Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI)
Immer mehr Insolvenzen, zu wenig Firmengründungen, Ausgleich Fehlanzeige. Unternehmen leiden unter einem schleichenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit über alle Branchen hinweg. Der Kern des deutschen Mittelstands steht zur Disposition – Ende offen.