Deutschland stagniert wieder

03.10.2026 (Red.-Schluss)

1,3 Prozent Wachstum 2026, 1,1 Prozent 2027 – die Wirtschaftsforschungsinstitute tun, wie ihnen geheißen. Sie liefern der Bundesregierung Zahlen, die ihr in die Karten spielen. Mehr als Stagnation ist da nicht herauszulesen – aber immerhin. Die Unternehmen zumindest lassen sich nicht beirren.

Wer, wenn er auch am Boden liegt,
das, was ihm blieb, voll Freude zählt – der hat Humor (A. Gercke)
Dümpeln im Wirtschaftstief

Deutschlands Wirtschaft dümpelt weiter im Wirtschaftstief. Die Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen in ihrer Herbstdiagnose für 2026 mit 1,3 Prozent mehr realem Bruttoinlandsprodukt. 2027 sollen 1,1 Prozent hinzukommen, so die Institute. Das klingt nach Rückkehr zur Normalität. Nur: Für 2028 bleiben in der Prognose noch 0,4 Prozent. Von Wachstum im relevanten Wortsinn keine Spur. Das bemisst sich an Jahren vor den großen Krisen mit Raten von zwei, drei oder mehr Prozent.

Großhandel zuversichtlich kritisch

„Die Stimmung im Großhandel hellt sich leicht auf“, berichtet Dirk Jandura, Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) anlässlich der Ergebnisse seiner Großhandelsbefragung. Der Verband hebt zwar seine Wachstumsprognose für dieses Jahr auf nur auf magere 0,8 Prozent an. So schön die Nachricht sei, sie dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass „sich an den Rahmenbedingungen für den Mittelstand bislang kaum etwas verbessert hat“.

Jandura: „Unsere Unternehmen haben sich auf schwierige Bedingungen eingestellt, sie passen Lieferketten und Geschäftsmodelle an und behaupten sich in einem herausfordernden Umfeld.“ Zusätzliche staatliche Ausgaben stützten die Konjunktur. Einen Aufschwung, der von nachhaltigen Reformen und besseren Standortbedingungen getragen ist, vermöge man indes nicht zu erkennen. Der Verband fordert weniger Bürokratie, niedrigere Belastungen und mehr Freiräume für private Investitionen.

Prognose bestätigt Stagnation

Die von Destatis genannte Zahl von 1,1 Prozent bestätigt nur die Stagnation. Im Frühjahr hatten die Institute für 2026 erst 0,6 Prozent und für 2027 dann 0,9 Prozent Wachstum erwartet. Ein halbes Jahr später hieven sie mit Ach und Krach die Prognose für dieses Jahr um magere 0,7 Prozentpunkte und für das kommende Jahr um noch magerere 0,2 Prozentpunkte an. Die Wirtschaft hat sich kräftiger entwickelt als gedacht. Die Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose sieht darin seit Ende 2025 einen Aufschwung, den Vergleich zu den satten Jahren vermeidet sie.

Das ist mehr als eine statistische Fußnote. Deutschland hat Jahre verloren. 2023 schrumpfte die Wirtschaftsleistung, 2024 erneut, 2025 kam mit 0,2 Prozent geringe Bewegung hinein. Noch im Frühjahr 2025 stritten die Institute darüber, ob für das Jahr überhaupt ein Plus zu erwarten sei. Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnete seinerzeit mit minus 0,2 Prozent, die Gemeinschaftsdiagnose mit plus 0,1 Prozent. Für 2026 reichten die damaligen Erwartungen je nach Institut von 0,8 bis 1,7 Prozent.

Prognosen fahren Autoscooter

Die Zahlenspiele gleichen keiner Fahrt mit der Achterbahn, eher einer mit dem Autoscooter – ein Hin und Her auf ein und derselben Ebene. Im Herbst 2025 erwartet die Gemeinschaftsdiagnose für 2026 1,3 Prozent und für 2027 1,4 Prozent Wachstum. Im Frühjahr 2026 kam der Rückschlag: 0,6 Prozent für 2026, 0,9 Prozent für 2027. Die Institute begründen die Korrektur mit dem Energiepreisschock infolge des Iran-Krieges.

Die Diagnose wird von fünf führenden Instituten erarbeitet: DIW Berlin, ifo Institut gemeinsam mit dem österreichischen Wifo, Kiel Institut für Weltwirtschaft, Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle und RWI. Zweimal im Jahr analysieren sie die Lage. Will heißen: Trau‘ schau‘ wem! Suche nach dem Auftraggeber. Der ist in diesem Fall niemand geringeres als das Bundeswirtschaftsministerium. Die Gemeinschaftsdiagnose dient der Bundesregierung als „Orientierung für die eigene Projektion“, zu Deutsch: zur Rechtfertigung der eigenen Politik. Ihr Befund vom 24. September für die Bundesregierung lautet: Aufschwung. Ihr Befund für alle anderen: Rückkehr zu früheren Wachstumsraten – nein.

Schubverkehr mehrerer Kräfte

Den Schub liefern mehrere Kräfte. Die Finanzpolitik wirkt expansiv. Zusätzliche Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung erhöhen die Nachfrage. Zugleich zeigt sich die Weltkonjunktur robuster als im Frühjahr angenommen. Teile der Industrie und des Exports entwickeln sich besser als nach dem Energiepreisschock befürchtet.

ifo-Präsident Clemens Fuest warnt, mehr Geld allein baue keine Straßen und Brücken. Zusätzliche staatliche Nachfrage kann bei ausgelasteten Bereichen Preise erhöhen oder Arbeitskräfte aus anderen Bereichen abziehen. Hohe öffentliche Ausgaben nützen nichts, wenn aus ihnen kein zusätzlicher Nutzen für die Produktion entsteht.

Industrie bleibt Schlüssel

Das gilt für die Industrie. Sie hat in den vergangenen Jahren einen Strukturwandel durchlaufen. Zwischen 2018 und 2024 sank der Produktionsindex des verarbeitenden Gewerbes nach Berechnungen des ifo-Instituts um 13 Prozent. Die Wertschöpfung ging im selben Zeitraum nur um drei Prozent zurück. Unternehmen verlagerten Teile der Fertigung, bauten Forschung, Entwicklung und produktnahe Dienstleistungen aus und veränderten ihre Geschäftsmodelle.

Folge: Hohe Energiepreise treffen energieintensive Betriebe. Deutsche Hersteller stehen unter Druck aus China und anderen Industriestandorten. US-Zölle und handelspolitische Unsicherheit erschweren Exportentscheidungen. Obendrein entstehen Märkte für Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Robotik, Energie- und Verteidigungstechnik.

Handel zuversichtlich+

Die Stimmung im Großhandel hat sich im Sommer 2026 verbessert. Die Unternehmen sind weniger pessimistisch als noch zum Jahreswechsel 2025/26. Der BGA-Klimaindikator steigt zur Jahresmitte deutlich von 70,6 auf 84,4 Punkte. Werte unter 100 Punkten zeigen allerdings weiterhin eine überwiegend pessimistische Stimmung an.

Besonders deutlich fällt die Verbesserung im Produktionsverbindungshandel aus. Hier steigt der Klimaindikator von 68,6 auf 88,7 Punkte. Im Konsumgütergroßhandel und im baunahen Großhandel bleibt die Stimmung mit jeweils 74,9 Punkten dagegen deutlich gedämpfter.

„Die Unternehmen warten nicht darauf, dass sich die Bedingungen verbessern. Sie reagieren, diversifizieren ihre Lieferketten, erschließen neue Märkte und stellen ihre Geschäftsmodelle neu auf. Dass sich die Stimmung stabilisiert, ist deshalb vor allem auch eine Leistung der Unternehmen selbst. Die wirtschaftspolitische Wende, die dem Mittelstand dauerhaft neue Dynamik geben könnte, ist bei ihnen bislang kaum angekommen“, so Jandura.

Die reale Umsatzentwicklung im Großhandel bleibt schwach. Preisbereinigt stiegen die Umsätze im ersten Halbjahr 2026 lediglich um 1 Prozent und liegen damit knapp unter dem Ergebnis für 2025. Für das Gesamtjahr erwartet der BGA deshalb real ein Ergebnis knapp unter dem Vorjahresniveau. Auch von den zusätzlichen schuldenfinanzierten Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur kommen bei vielen Großhändlern bislang kaum direkte Impulse an. Zwar tragen die zusätzlichen staatlichen Ausgaben zur konjunkturellen Stabilisierung bei. Ein selbsttragender Aufschwung, der auf höheren privaten Investitionen und verbesserten Standortbedingungen beruht, ist daraus jedoch noch nicht entstanden. Der hohe Wettbewerbs- und Kostendruck begrenzt weiterhin die Investitionsbereitschaft der Unternehmen. Auch der Beschäftigungsabbau setzt sich fort. 47 Prozent der an der Umfrage teilnehmenden Unternehmen rechnen nicht mit personellen Veränderungen im zweiten Halbjahr 2026. 19 Prozent der Unternehmen wollen ihre Beschäftigung ausweiten, während 34 Prozent einen Abbau planen.

2028 nur noch 0,4 Prozent

0,4 Prozent 2028 zeigt das Verlöschen des letzten Fünkchens Hoffnung auf einen nachhaltigen Aufschwung. Was bleibt, ist Stagnation. Weniger Menschen im Erwerbsalter begrenzen das Arbeitsangebot. Der Produktivitätsfortschritt reicht nach Einschätzung der Institute nicht aus, um diesen Rückgang auszugleichen. Die Frühjahrsdiagnose warnte bereits, das Potenzialwachstum werde bis zum Ende des Jahrzehnts auf null sinken.

Der Arbeitsmarkt reagiert mit Verzögerung auf den Aufschwung. Im Frühjahr erwarteten die Institute für 2026 einen Rückgang der Erwerbstätigkeit um rund 100.000 Personen und eine Arbeitslosenquote von 6,4 Prozent. Für 2027 sollte sie auf 6,2 Prozent sinken. Die neue Wachstumsprognose ändert nichts am Grundproblem: Mehr gesamtwirtschaftliche Nachfrage führt nicht im selben Augenblick zu mehr Beschäftigung. Unternehmen stellen erst ein, wenn sie den Aufschwung für tragfähig halten und passende Arbeitskräfte finden.

Arbeitskräfte werden zum Engpass

Das macht Personalpolitik zur Wirtschaftspolitik. Qualifizierung, Weiterbildung und Zuwanderung beeinflussen das Produktionspotenzial ebenso wie Investitionen in Maschinen und Software. Gleiches gilt für Arbeitszeit und Erwerbsbeteiligung. In der Rezession hielten zahlreiche Betriebe an Fachkräften fest, obwohl sie weniger einstellten. Das stabilisierte Beschäftigung, verringerte aber die Bewegung am Arbeitsmarkt. Für einen Strukturwandel müssen Arbeitskräfte dorthin gelangen, wo neue Wertschöpfung entsteht – ohne dass Unternehmen in schrumpfenden Bereichen ihr Know-how vorschnell verlieren.

Ein zweiter Engpass liegt beim Kapital. Investitionen waren über Jahre eine Schwachstelle. Unternehmen hielten sich wegen schwacher Nachfrage, hoher Kosten und politischer Unsicherheit zurück. Öffentliche Infrastruktur alterte. Der Staat versucht nun, mit kreditfinanzierten Programmen gegenzusteuern. Das kann kurzfristig Nachfrage schaffen und langfristig das Produktionspotenzial erhöhen – wenn das Geld in Infrastruktur fließt, die Unternehmen produktiver macht: Verkehrswege, Energienetze, digitale Netze, Schulen, Forschung und Verwaltung.

Ob diese Rechnung aufgeht, entscheidet sich an der Qualität der Ausgaben. Ein Sondervermögen ist noch keine neue Brücke. Ein Haushaltsansatz ist noch keine zusätzliche Stromleitung. Zwischen politischem Beschluss und wirtschaftlicher Wirkung stehen Planung, Genehmigung, Vergabe, Baukapazität und Personal. Verzögerungen verschieben den Konjunkturimpuls. Knappheiten verteuern ihn. Investitionen, die nur bestehende Ausgaben ersetzen, erhöhen das Produktionspotenzial nicht im selben Maß wie zusätzliche Projekte.

Defizit weitet sich aus

Dazu kommt der Preis der expansiven Finanzpolitik. Die Gemeinschaftsdiagnose erwartet, dass das staatliche Finanzierungsdefizit von 4,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts 2026 auf 4,7 Prozent 2028 steigt. Nach Auslaufen der nationalen Ausweichklausel sehen die Institute Spannungen zwischen deutscher Finanzplanung und europäischem Regelwerk. Damit bekommt der Aufschwung eine fiskalische Nebenrechnung: Ein Teil der zusätzlichen Nachfrage wird mit Schulden finanziert, während die langfristige Tragfähigkeit der öffentlichen Haushalte durch Demografie und Sozialausgaben unter Druck steht.

Das ist kein Argument gegen Investitionen. Es trennt Investition von Ausgabe. Schulden können wirtschaftlich anders wirken, wenn sie das künftige Produktionspotenzial erhöhen, als wenn sie laufenden Konsum finanzieren. Bei dem Infrastruktur-Sondervermögen debattierte man, ob zusätzliche Kreditspielräume tatsächlich zussätzliche Investitionen erzeugen. Die Herbstdiagnose verschärft diese Frage: Je geringer das strukturelle Wachstum nach dem konjunkturellen Aufholen ausfällt, desto wichtiger wird die Rendite jedes eingesetzten Euro für die Volkswirtschaft.

Aufschwung kein Wachstumspotenzial

Konjunktur beschreibt das Auf und Ab um den längerfristigen Entwicklungspfad. Nach einer Schwächephase kann die Produktion kräftig steigen, weil ungenutzte Kapazitäten wieder ausgelastet werden. Wachstumspotenzial beschreibt, wie schnell dieser Pfad selbst steigt. Sind Arbeitskräfte, Kapital und Produktivität knapp, endet der Aufholprozess an einer flacher werdenden Linie.

1,3 Prozent im Jahr 2026 und 1,1 Prozent 2027 widersprechen den Strukturproblemen nicht. Sie machen sie sichtbar. Der Abstand zur möglichen Produktion wird geschlossen. Danach bleibt weniger Spielraum. Wenn 2028 nur 0,4 Prozent Wachstum folgen, wäre das nicht zwingend eine neue Rezession. Es wäre Ausdruck einer Wirtschaft, deren mögliche Dauerleistung nur langsam zunimmt.

Quellen

Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose: Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2026 – Aufschwung mit Strukturproblemen – Finanzpolitik auf Abwegen, 24.09.2026.

Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose: Gemeinschaftsdiagnose Frühjahr 2026 – Energiepreisschock überlagert Fiskalimpuls – Wachstumskräfte versiegen, 01.04.2026.

Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose: Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2025 – Expansive Finanzpolitik kaschiert Wachstumsschwäche, 25.09.2025.

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